Wer den jugendlichen Helden auf der Titelseite des Comics "Eine Jugend in Prag" bei dichtem Schneetreiben dick eingemummt über die Karlsbrücke huschen sieht, mag an den Prager Budenzauber für Kulturtouristen erinnert werden.

Doch der Autor und Zeichner Vittorio Giardino erliegt nicht dem Golem-Kafka-Kisch-Phänomen: Die Prager Kulissen seines Comic-Mehrteilers "Jonas Fink" sind - in bester Tradition der ligne claire - das realistische Abbild der Stadt in den fünfziger Jahren. Er ist in der Welt Bohumil Hrabals und Ivan Klimas zu Hause, ganz nah dem Alltag stalinistischer Zeit. Im Oktober 1950 - Jonas ist dreizehn Jahre alt - wird sein Vater, ein jüdischer Arzt, von der Staatssicherheit verhaftet und später wegen "antisozialistischer Umtriebe" zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Folgen für den Jungen und seine Mutter sind katastrophal. Jonas muß das Gymnasium verlassen, verdingt sich als Hilfsarbeiter am Bau und bei einem Klempner von Schwejkschen Format.

Immer spürbarer werden Jonas und seine Mutter in die Isolation gedrängt. Bis der junge Mann ein paar Jahre später Arbeit in einer privaten Buchhandlung findet, an geheimen Literaturlesungen teilnimmt und sich in ein Mädchen aus der Gruppe verliebt - die Tochter eines sowjetischen Diplomaten. Dieser Liaison ist der dritte Band "Verdachtsmomente" gewidmet, die Fortsetzung, der letzte Band, wird 1999 erwartet.

Zwischen Mystik, Comedy und Cyberspace wirkt Realismus in Comicgeschichten heute beinahe altmodisch. Und doch gelingt es "Jonas Fink", jede Nostalgie zu vermeiden. Der Blick Giardinos beschönigt nichts, die Zeichnungen schwelgen aber auch nicht in einer Ästhetik des Verfalls, benutzen vielmehr die manchmal nüchternen, manchmal poetischen Kulissen als Spiegel der Gefühle.

Die Spuren der Zeit, in der Menschen wie Jonas Fink lebten, finden sich nicht nur hinter Prager Fassaden.

* Vittorio Giardino:

Jonas Fink