Man muß sich das einmal vorstellen: So, wie dieser Junge, der wie ein Skelett wirkt, das mit Leder überzogen ist, so sehen im Sudan Millionen von Menschen aus. Laut Aussagen der Uno stehen etwa 400 000 unmittelbar vor dem Hungertod. Etwa 1,5 Millionen Menschen sind während des Bürgerkriegs umgekommen, und die doppelte Anzahl ist zu Flüchtlingen geworden, die ohne Hab und Gut in einem Lande umherirren, das sechsmal so groß ist wie Deutschland.

Es heißt immer, es handele sich um einen Bürgerkrieg zwischen dem arabisch-islamischen Norden mit der Hauptstadt Khartum und dem christlichen, schwarzafrikanischen Süden, aber diese Kurzformel sagt wenig aus über die reale Situation. Die Wirklichkeit ist ein einziges Chaos.

Es wird gemordet, gefoltert, vergewaltigt, vagabundierende Banden gehen auf Menschenjagd, fangen Frauen und Kinder, die sie als Sklaven verkaufen. Es gibt im Süden eine Elite von intellektuellen, berufstätigen Frauen, die ein wichtiges Element der Opposition bilden. Im vorigen Jahr wurden vierzig dieser Frauen bei einer Demonstration verhaftet und ausgepeitscht, einige fast zu Tode geprügelt. Prügelstrafe, das Abhacken von Gliedmaßen sind heute noch übliche Strafen im Sudan.

Keiner kann aus diesem sogenannten Bürgerkrieg als Sieger hervorgehen, weil es auch keine klaren Fronten gibt. Es geht zwar um einen Machtkampf der Zentrale, die dem Süden des Landes die Scharia aufzwingen will gegen die Rebellen des Südens, aber dazwischen kämpfen Stammeseinheiten und terroristische Gruppen gegeneinander. Jeder nutzt die Gelegenheit zu Diebstahl und Menschenraub - es ist eine Vielzahl von Räuberbanden, die vom Krieg leben.

Verwunderlich erscheint nur eins: Diese unmenschlichen Verhältnisse verheeren das Land seit vielen Jahren - warum hat man früher sowenig davon gehört, keine Bilder im Fernsehen, selten einmal ein Bericht in der Presse? Wo waren die sonst so beredten amerikanischen Kämpfer für Menschenrechte?

Nun, seit sich vor einigen Jahren herausgestellt hat, daß es im Süden reiche Ölvorkommen gibt, erwacht allenthalben das Interesse. Mit chinesischer Hilfe wird eine Ölraffinerie gebaut und eine 1500 Kilometer lange Ölleitung zum Roten Meer. Ein amerikanischer und ein kanadischer Konzern waren die ersten am Ball. Sie werden die Ölindustrie im Sudan aufbauen.

Washington fürchtet, daß das Regime in Khartum - eine Kooperation von Islamisten und arabischen Nationalisten - als Stütze des internationalen Fundamentalismus eine Bedrohung für amerikanische Interessen im Nahen Osten darstellen wird. Darum liefert Amerika Waffen an die Nachbarländer des Sudan (Uganda, Eritrea, Äthiopien), aber so sicher wie das Amen in der Kirche werden diese Waffen im Südsudan landen und damit ihren Sinn im Einsatz gegen Khartum finden. Das mag Washington durchaus willkommen sein.