Berlin

Angela Merkel stammt aus dem Osten und ist Ministerin in Bonn. Wenn sie sich zur "Stimmungslage für die deutsche Einheit" äußert, ist das ernst zu nehmen.

Sie sei besorgt, sagte sie zur Debatte über SPD und PDS, die Menschen im Westen könnten sich damit abfinden, daß der Osten anders sei. Aber ist das Anlaß zur Sorge, oder wäre es vielleicht ein Fortschritt? Nach vierzig Jahren eines ganz anderen Lebens müssen die Ostdeutschen anders sein, nicht unüberbrückbar und unversöhnlich anders, aber doch so viel, daß sie eigene Vorstellungen und Wertmaßstäbe entwickeln. Je eher sich die Westdeutschen mit diesem Unterschied abfinden, desto eher werden sie die Ostdeutschen verstehen können. Auf beiden Seiten kommen Unverständnis und Enttäuschung nicht zuletzt daher, daß jeder voraussetzt, der andere sei ebenso wie er. Sobald diese Erwartung schwindet, wachsen die Chancen für freudige Überraschungen: Man ist sich oft viel näher, als man dachte.

Die Hälfte der deutschen Mißverständnisse beruht auf einem Mangel an Respekt.

Die Stimmungslage für die deutsche Einheit wäre erheblich besser, wenn die Westdeutschen sich nicht nur damit abfinden, sondern anerkennen würden, daß der Osten anders ist. Dann könnte darüber nachgedacht werden, ob die Ostdeutschen unbedingt so werden sollen wie die Westdeutschen. Ob sie nicht manches haben, was auch der Westen brauchen könnte. Ob dieser andere Osten, wenn man ihn ernst nimmt, den Westen bereichern würde.

Die vielbeschworene innere Einheit leidet daran, daß der Westen alles vereinheitlichen will, sie ist nur zu schaffen, wenn man die gewachsenen Unterschiede achtet. Es geht nicht um Anpassung, sondern um Annäherung, nicht um Angleichung des Ostens an den Westen, sondern um Nutzung der Unterschiede - zum Vorteil beider Seiten.

* Peter Bender ist freier Journalist. Er lebt in Berlin.