Sie fahren nach Procida?" Staunen, eher schon gelindes Entsetzen steht dem älteren Herrn ins Gesicht geschrieben, als wir uns anschicken, nach einstündiger Fahrt das Boot von Neapel nach Ischia bei seinem Zwischenstopp im Hafen der Insel Procida zu verlassen. Es ist die letzte Fähre, und sie ist voll besetzt. Zum Großteil mit deutschen Reisegruppen, vornehmlich Senioren.

In Procida gehen nur wenige Menschen an Land, außer uns ausschließlich Einheimische. Man hatte uns gewarnt: Als "usselig" bezeichnete eine Mitreisende die Insel, der schmutzige Strand fand Erwähnung, überhaupt eine immer wieder genannte Verkommenheit. So fühlen wir uns wie mutige Abenteurer, als wir an Land gehen. In der Tat: Einladend bietet sich die Insel nicht dar, jetzt, kurz vor Mitternacht. Nur wenige Lichter beleuchten die Häuser am Hafen, und die vermitteln in der Dunkelheit einen düsteren, grottenartigen Eindruck. Über allem thront finster das alte Kastell aus dem 16. Jahrhundert, das die Insel schon bei der Anfahrt wie ein drohender Schatten überlagert.

Bis vor wenigen Jahren diente die Festung rund hundert Häftlingen als Gefängnis und verlieh Procida das Image eines italienischen Alcatraz - wobei sich die berüchtigte Gefängnisinsel vor San Francisco vergleichsweise wie ein eleganter Bungalow ausnimmt.

Ziemlich verlassen und heroisch kommen wir uns vor, wie wir da mit dem Gepäck am nächtlichen Kai stehen und die erleuchtete Fähre in Richtung Ischia entschwinden sehen.

Nach Procida reiste man allenfalls als Häftling. Noch heute wird der Insel, die in grauer Vorzeit Piraten als Basislager diente, ein fremdenfeindliches Image zugeschrieben. Dabei liegt sie inmitten des Epizentrums allergrößter Touristenseligkeit: Ischia, die heilende Perle, zum Greifen nah, Capri in Sichtweite, die Amalfiküste mit ihren Herrlichkeiten, der Golf von Neapel mit Herculaneum und Pompeji. All diese Urtraumziele vor allem englischer und deutscher Italienreisender bilden ein touristisches Bermudadreieck, in dem Procida namenund gästelos untergeht.

Zugegeben: Das hat seine Gründe. Die Insel ist klein, bietet kaum touristische Infrastruktur. Es gibt ein paar schmale Strände, ein paar einfache Hotels. Restaurants finden sich am Hafen und am kleinen Yachthafen Chiaiolella mit seinem vor allem von neapolitanischen Familien frequentierten Badestrand. Abgesehen vom pittoresken Fischerdorf Corricella, einigen alten Kirchen und der höhlenartigen Architektur der maurisch anmutenden Häuser mit ihren Außentreppen, weitbogigen Loggien, den ocker, rosa und gelb gestrichenen Würfel- und Kuppelbauten, gibt es keine Attraktionen.

Die Reize der Landschaft können sich mit Capri oder Ischia nicht im entferntesten messen. Obwohl die Insel nur vier Quadratkilometer groß ist, ist sie doch mit 10 500 Einwohnern, bezogen auf die Größe, die am dichtesten besiedelte Insel Italiens. Procida besteht primär aus üppigen Gärten, auf deren fruchtbarem, vulkanischem Boden Orangen, Melonen, Weintrauben und vor allem Zitronen wachsen. Doch diese Pracht verbirgt sich hinter hohen Steinmauern entlang enger Straßen und Gassen. Und durch die brettert ein nicht abreißender Strom von Autos und Motorrollern. Die meisten Insulaner scheinen unentwegt unterwegs zu sein.