Eine Prozession zu Wasser, die da naht. Vornweg eine Korvette der Guardia di Finanza. In ihrem Kielwasser, keilförmig versetzt, bieten zwei Küstenwachboote Flankenschutz für ein elf Meter langes Holzboot, in dem ein Dieselmotor scheppert und tuckert. 58 Menschen, lauter junge Männer, braun gebrannt und in verschlissenen T-Shirts, stehen dicht gedrängt auf dieser Schaluppe. Stehen schweigsam. Wie ein stummer Chor der Gefangenen. Zwanzig Stunden haben sie so ausgehalten. Waren nachts heimlich aufgebrochen und standen dann später unter der sengenden Sonne bei Temperaturen von über vierzig Grad aufrecht in diesem Kahn, der sie aus dem tunesischen Sfax über den Kanal von Sizilien auf die italienische Insel Lampedusa brachte. Zum Sitzen fehlte es an Platz. Das hätte ihren Reisevermittlern, den Schleppern, nur die Pro-Kopf-Rate reduziert.

In den stillen Badebuchten der Isola dei Conigli, der bevorzugten Urlauberoase Lampedusas, hatten sich die Touristen aus dem heißen Sand erhoben und entgeistert auf das an ihrer Küste langsam vorbeiziehende Flüchtlingsboot gestarrt. Wer waren die Leute, woher kamen sie, wo wollten sie hin? Oder war es eine Trauergemeinde beim Ritus einer Meeresbestattung?

Später war das Schiffchen von den Küstenschutzbooten in ihre Mitte genommen worden.

Jetzt, bei untergehender Sonne, fahren sie langsam in den Hafen ein. Mit einem Glas in der Hand stehen Männer auf dem Oberdeck ihrer Urlauberjachten, die hier vor Anker liegen. Die Fischer auf ihren Kähnen unterbrechen ihre Aufräumungsarbeiten, verfolgen stumm das Anlegemanöver. Die Eskorte lotst das kleine Boot in einem engen Bogen auf die Innenseite der Mole, deren Zufahrt über Funk längst für den öffentlichen Zugang gesperrt worden ist. Ein Seil, quer über den Kai gespannt, und zwei postierte Carabinieri davor markieren so Europas südlichste Linie von Schengen.

Die herbeigeeilten Inselbewohner sehen der kontrollierten illegalen Einwanderung wie von einer Bühne aus zu. Gleich einem Amphitheater liegt der Hafen da, und wie immer, wenn ein Boot übervoll mit clandestini, den Heimlichen, eintrifft, drängen sich auch an diesem Abend des letzten Julitages die Bewohner um die illuminierte Säule mit der Madonna, deren Willkommenslächeln einer jeden Ankunft über Wasser gilt.

Diese hier nun vollzieht sich in unendlicher Langsamkeit, weil die Starre der Ankömmlinge das Anlandgehen zur Qual macht. "Poverini!", die Armen, flüstern ein paar Frauen auf den höchsten Rängen, dem Terrassengeländer am Kopf der Via Roma. Dumpf blicken sie hinüber zur Mole, die seit einem Monat, seit die Immigrationswelle das Eiland überschwemmt, auch molo dei disperati, Mole der Verzweifelten, genannt wird. Noch Stunden nach Einbruch der Dämmerung steht die Gruppe der Angekommenen müde an die Kaimauer gelehnt und läßt die Erfassung ihrer Identität über sich ergehen. Langsam lichten sich die Reihen der Neugierigen, sie kehren in die belebte Hauptstraße zurück. Ein Eis noch, ein kurzer Schwatz, dann ist es Zeit zum Abendessen.

Auf diesen Augenblick, daß sich die Menschen verlaufen, haben die Sicherheitsbeamten gewartet und entsprechend schleppend die Befragung der Ankömmlinge hinausgezögert. Ungünstig genug hat sich nämlich das dramatische Bild eintreffender Flüchtlingskähne aus nordafrikanischen Ländern auf die Urlauberstimmung ausgewirkt. Der rasche Abtransport der Flüchtlingsgruppe vom Hafen weg durch Seitenstraßen hin zur peripheren Kaserne hinterm Flugfeld vollzieht sich jetzt unspektakulär und unter Ausschluß der Öffentlichkeit.