Ein Buch mit gezeichneten Liebeserklärungen an das Haus: Die Hütten, Schuppen und Schachteln, die Schlösser, Paläste und Türme führen ein faszinierendes Eigenleben. Sie öffnen und verschließen sich, sie sind hinfällig und gebrechlich, dann wieder stark und mächtig. Sie wandern oder stehen wie ein Fels. Es sind Behausungen der merkwürdigen Art, Traumschlösser, rätselhafte Häuser, aber auch handfeste Gemäuer, massives Gestein. Welch phantasiestiftende Kraft sich mit Vorstellungsbildern von Außen und Innen verbindet, von Geborgenheit und Fremdheit, führt Christoph Meckel in Versen und Bleistiftzeichnungen vor, die manchmal Erinnerungen an die Gedicht-Bild-Bände von Jürgen Spohn auslösen. Auch sie waren bevölkert mit skurrilen Gestalten und schrägem Humor, gespickt mit Lebensweisheiten und sensiblen Alltagsbeobachtungen.

Meckels Räume erscheinen als kleine Bühnen in Guckkästen, auf denen er nicht nur die Häuser, sondern auch allerlei merkwürdige Mensch-Tier-Mutationen tanzen läßt. Sein Zeichenstil ist dabei akribisch, mit diszipliniertem Strich und modellierenden Schattierungen schafft er klare Räumlichkeit. Nicht zufällig sehen manche Häuser aus wie säuberlich angespitzte, kurze Bleistifte. Dennoch entsteht der Eindruck verkehrter Bildwelten, weil kleine Nischen, Öffnungen und Durchblicke ständig irritieren: ein Spiel der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Bilder voll surrealer Ironie zeigen sich dann, wenn drei marschierende Beine unterm Haus hervorschauen oder wenn Häuser sich wie Wundertüten oder Überraschungseier öffnen.

Der Zeichner Meckel scheint eine Schwäche für untere Bildränder zu besitzen, denn dort tauchen immer wieder kleine, merkwürdige Figuren auf, schieben sich ins Bild, als wollten sie nur kurz "hallo" sagen, um gleich wieder abzutauchen. Manchmal quetschen sie sich auch mühsam zwischen Bildrand und Motiv. Mit diesen kleinen Kasperlfiguren wird der Bühnencharakter der Zeichnungen noch einmal betont: Alles ist Spiel, ernst und unernst zugleich.

Die Bilder entfalten ihre ganze Magie aber erst in der Verbindung zu den vierzeiligen Versen, die den Zeichnungen gegenüberstehen. Sie geben den Bildern die Idee, klinken sich augenzwinkernd ein, lassen aber viele Deutungen zu: labile, offene Assoziationsfelder, in denen sich Nachdenklichkeit und Humor frei ansiedeln können.

Am Ende, wenn sich der Blick vom Buch löst, sieht man sich erstaunt um in seinen eigenen vier Wänden. "Alle Häuser sind genannt, alle andern unbekannt.

Und die Frage zieht sich hin: Was ist draußen, was ist drin?"

* Christoph Meckel: Komm in das Haus