Berlin

Das Herz der Oderberger Straße muß irgendwo zwischen den Häusern vierzehn und achtzehn auf ihrer Sonnenseite und den vierziger Nummern gegenüber schlagen.

Dort jedenfalls kommt sie nicht zur Ruhe, schon gar nicht im Sommer. Ein Stück weiter, Richtung Westen, den letzten Häusern entgegen, wirkt die breite "Oderberger" dann plötzlich verlassen und leblos. Der Mensch trennt sich nur schwer von alten Gewohnheiten. Auch jener in der Oderberger Straße im Prenzlauer Berg. Wer über dreißig Jahre nur in eine Richtung gehen durfte, schlägt danach selten die andere ein, auch wenn längst nichts mehr im Wege steht. Die Oderberger Straße war Sackgasse, und sie ist es noch heute, auch wenn kein Staubkorn mehr an die graue Mauer am Ende der Straße erinnert.

Immer noch scheint es, als wolle niemand vorüber an den letzten Häusern, die stets bewohnt waren von Stasi-Spitzeln, denen allein der Blick ins Feindesland gewährt wurde. Und außerdem hat dieses tote Stück Straße so wenig zu tun mit dem zweiten Leben der Oderberger, das sich in ihren Hinterhöfen und Hinterhäusern, in leerstehenden Wohnungen und der einst einzigen Kneipe, dem "Oderkahn", abspielte. Dies war das Leben der Künstler und Intellektuellen, der Schriftsteller und Liedermacher, der Studenten und Zugereisten aus allen Teilen der DDR, die in den brüchigen Altbauten den Traum vom autonomen Leben suchten.

Nr. 18 hat Glück mit dem neuen Besitzer aus Ulm

In der Oderberger Straße wohnten Stefan Krawcyk und Freya Klier. Hier existierten die verborgenen Orte für illegale Konzerte und Lesungen, für riesige Wohnungspartys und Hinterhoffeste. Viele Jahre lang wurde hier getestet, wie sehr sich der Staat reizen ließ, wie groß der Spielraum wirklich war, so nah an der Mauer. Natürlich wußten alle, daß die Straße als subversiver Herd unter permanenter Beobachtung stand. Mitte der achtziger Jahre schien es dann, als wäre das Spiel zu Ende. Durch Zufall wurden geheimgehaltene Abrißpläne entdeckt. Die schlechte Bausubstanz der Häuser sollte das Vorhaben rechtfertigen. Vor allem aber sollten der Ungeist erstickt, die Menschen auseinandergerissen und in Plattenbauten gesteckt werden. Heute wohnen noch einige von denen in der Straße, die damals an einem Gegengutachten mitgearbeitet haben, das den Abriß schließlich verhindern konnte.

In den nächsten Monaten müssen viele von ihnen die einst umkämpften Häuser dennoch verlassen. Ganz langsam wird die Oderberger Straße ihr altes, anarchisches Gesicht verlieren, nicht mehr Nische sein, sondern bald vielleicht Ausflugsziel für Touristenbusse. Die ersten rollten schon an. Ein paar Straßen weiter östlich, am Wasserturm und am Kollwitzplatz konnte sich jeder längst ansehen, wie auch die Oderberger enden wird. Dort, wo sich in grauschwarzen, verkommenen Häusern die ersten Cafés und Kneipen nach der Wende eingenistet hatten, haben die viel zu hellen, edel sanierten Fassaden den Häusern ihre Vergangenheit geraubt - während die Oderberger für immer Sackgasse zu bleiben schien. Wer dort nichts suchte, der bog gar nicht erst ab, sondern blieb auf der belebten Querstraße Kastanienallee.

So hat sich die Straße viel von ihrem Mythos bewahrt. Ihre ersten sanierten Häuser wirken noch wie vorübergehende Kulissen. Aber schon halten sie in elegantem cremigen Beige oder leuchtendem Blaugrau-Orange den anderen Häusern einen Spiegel vor und lassen sie noch erbärmlicher aussehen. Noch aber sind die heruntergekommenen Fassaden in der Überzahl und schauen trotzig zurück.

Auch wenn sie, nackt, zerfressen und farblos, die Zeichen der letzten hundert Jahre tragen, ihre Wunden nie geheilt wurden. Einschußlöcher klaffen hervor, als wären sie von gestern.

Schaut man zu lange an den Wänden entlang, bekommt diese breite Straße etwas Unwirkliches und Absurdes. Die Balkone sind zerstört oder aus Sicherheitsgründen irgendwann weggerissen worden. Nun balancieren nur noch ein paar Tauben auf den übriggebliebenen schmalen Vorsprüngen und hüpfen darauf von einem Haus zum anderen. Nur am Haus Nummer 18 finden sie keinen Halt mehr. Die Fassade ist glatt und kahl. Bröckelnder Putz mit rötlich braunen Backsteinen darunter. Das Haus ragt ein, zwei Stockwerke höher in den Himmel als die Häuser nebenan - so wirkt es noch versehrter als die andereren.

Wenn der Galerist Johannes Zielke aus der 18 kommt und sich drei Häuser weiter auf seinen Stammplatz im Kneipen-Café "Entwederoder" setzt, sieht er immer auf das frisch sanierte Haus gegenüber und das leuchtend gelbe gleich nebenan. "Das gibt so ein schönes Licht", sagt Zielke ruhig und ein wenig später: "So sieht unsres dann auch mal aus." Zielke möchte wieder einziehen in das sanierte Haus, weil sich der Mensch Mitte dreißig endlich nach Ruhe sehne und nach etwas Schönem, Fertigem. Die neuen Mieten werden bezahlbar bleiben, denn die Nummer 18 hat Glück gehabt mit dem fremden Eigentümer aus Ulm. Dessen Tochter hat lange in einem besetzen Haus im Prenzlauer Berg gelebt. Daher käme wohl seine soziale Ader. Andere zweifeln trotzdem, zum Beispiel an seinem Versprechen, einen richtigen Dachgarten zu bauen. "Der hat nicht das Gefühl dafür. Der lebt nicht in uns", sagt Marly Riemer aus dem Vorderhaus.

Seit Jahren gibt es ein Leben auf dem Flachdach der Nummer 18. Das Dach war ein fast ebenso wichtiger sozialer Treffpunkt wie der Hirschhof, die grüne Oase der Oderberger Straße, ein Park umzingelt von Hinterhäusern, den die Bewohner selbst angelegt und gestaltet haben. In dem Amphitheater an seinem Rand fanden die berüchtigten Veranstaltungen statt. Peter Wawerzinek, der Prenzlauer-Berg-Dichter mit dem Spitznamen Schappi, trug hier das "Mauerpoem" vor, die verbotene Off-Theater-Gruppe Zinnober war regelmäßig zu sehen, und der einstige Journalist Dietmar Halbhuber, Hinterhausbewohner der Nummer 18, erkannte auf dieser Bühne sein Talent zum Dichten und Singen. Das war der Kosmos der Leute aus der Oderberger Straße. Hier setzten die Uhren des DDR-Alltags ab und zu aus, hier arbeiteten Kopf und Zunge gemeinsam und nicht gegeneinander. Trotzdem hielten es manche nicht mehr aus, neben der Mauer zu leben, und sagten, wenn ihr bleiben wollt, dann bleibt, aber ich gehe - und sind fortgegangen. Auch wenn es schon Mai 1989 war.

So war es bei Astrid Mosch, der Bildhauerin. Andere bekamen im August die Ausreisegenehmigung für Dezember. Und dachten im November, es wäre ein seltsamer Traum, als sie endlich Richtung Mauer liefen und ein Loch in den Beton geschlagen haben, so groß, daß sie hindurchsteigen konnten. Das war dann das Ende der Sackgasse.

Astrid Mosch ist nie ganz weggekommen von der Oderberger und nach ein paar Jahren wieder eingezogen. "Es war ganz gut, mal rauszukommen aus der provinziellen Enge. Der nahe Kontakt hatte auch etwas Ödes", sagt sie. Der Zusammenhalt sei jetzt wieder da, eben nur ungezwungener. "Aber es ist anders. Man borgt sich zum Beispiel keinen Zucker mehr. Dafür gibt's ja jetzt den Spätverkauf", sagt Marly Riemer.

Die Oderberger Straße ist ein Dorf. Das sagen alle, die hier ein paar Jahre wohnen. Vor einiger Zeit gab es im "Entwederoder" noch einen Briefkasten, in den jeder die neuesten Tratsch-Geschichten einwerfen konnte. Der Café-Besitzer wollte daraus eine Kiez-Zeitung machen. Über zwei Ausgaben ist das Ganze nicht hinausgewachsen. Geblieben sind einige gemeine Sprüche auf den Rechnungszetteln, dort wo normalerweise "Vielen Dank" steht.

Das "Entwederoder" war das erste alternative Café in der Straße nach der Wende - an den Stammgästen hat sich seitdem nicht viel verändert, denn die alteingesessenen Kiezbewohner verlassen nur ungern ihre Straße. "Wenn wir mal zum Kollwitzplatz rübergehen, ist das schon fast eine kleine Auslandsreise", sagen manche, und auch Erhard Tapp treibt es immer wieder in die eine Richtung. "Wer in diesem Kiez wohnt, geht nicht über die Schönhauser. Da gibt es eine psychologische Barriere." Logisch begründen kann er das nicht.

Mit seinen 65 Jahren ist Tapp der älteste Stammkunde im "Entwederoder". Es gibt kaum einen in der Straße, der ihn nicht kennt. Vor der Wende war er Vorsitzender des Wohnbezirksausschusses der Nationalen Front - ein ehrenamtlicher Job, mit dem der Kiez kontrolliert werden sollte. Tapp war es, der Stellung nehmen mußte, wenn auf dem Hirschhof wieder "reaktionäre Elemente" am Werk waren, wenn sie Kerzen anzündeten und damit eine "kirchenähnliche Veranstaltung" stattfinden ließen. Tapp, damals überzeugtes SED-Mitglied, steckte die Prügel immer wieder ein und ging dann zurück in seinen Kiez, um die nächsten Veranstaltungen im Hirschhof mit vorzubereiten.

Tapp hat genau hingesehen, wie sich die Straße in den letzten Jahren verändert, wie er sich selbst mit ihr verändert hat. Den "Oderkahn" hat er verlassen, wie die meisten, mit denen er dort lange DDR-Nächte durchdiskutierte. Chefin Monika Lange hat einen weißen Gartenzaun um die Kunstrasen-Idylle vor der Kneipentür gebaut. Das schreckt ab, und das will sie so. Die meisten der neuen Kiezbesucher würde sie sowieso nicht bedienen.

Manche wirft sie einfach raus, wegen ihres Aussehens. "Das ist eine alte Dreckstraße geworden", schimpft Monika Lange. "Schwule Männer, lesbische Frauen. Es fehlen nur noch die Nutten." Monika Lange versteht die Welt nicht mehr. Ihr Bier ist noch immer unschlagbar billig, und trotzdem sind immer die anderen Kneipen voll. Der Inder gegenüber, der Grieche, die "Oderquelle", das "Entwederoder", die "Berlin-Bar" und das "Nemo" mit seinen schrillen buntgefärbten Gestalten, die bis zum frühen Morgen unter dem Baugerüst mit den Partylampen sitzen und wenn sie gehen, noch eine Blechbüchse übers Kopfsteinpflaster kickern.

Ein Sonnenuntergang ist nirgendwo so schön wie hier

Wer nicht mehr jung ist, hat hier verloren. In jedes Geschäft, das in der angrenzenden Kastanienallee dichtgemacht hat, ist eine Kneipe oder eine Restaurant gezogen. Die letzten Einzelhändler in der Oderberger sehen ihr Schicksal jeden Tag vor Augen. Beim Fleischer Dufft standen die Leute früher um sechs Uhr morgens Schlange, und um acht hat er erst aufgemacht. Damals hat er 34 Tonnen Fleisch im Monat verkauft, jetzt sind es noch ganze drei.

Militante Veganer haben ihm im vergangenen Jahr sein Auto abgefackelt, "Mörder" an die Ladenfenster geschmiert und eine Bombe unter das Lieferauto gelegt. Kurz danach kamen wieder ein paar mehr Leute in den Laden, vielleicht aus Mitleid. Fleischermeister Dufft hat seine Stammkunden wegziehen sehen, weil sich viele von den Neu-Oderbergern verdrängt und weggeschubst fühlten.

Und im nächsten Sommer werden es noch weniger bekannte Gesichter sein, die an seinem Laden vorübergehen. Dann ist auch die Nummer 18 ein leeres Haus. Seine Bewohner werden das breite Gesicht von Fleischer Dufft vermissen und die kleinen Gespräche vor den Cafés, die Neuigkeit, ob einer verliebt ist. Sie werden weiterleben müssen ohne diesen "unglaublichen Abendwind", der vom Westen durch die Straße fegt und den Sonnenuntergang, der nirgendwo so schön sein soll wie in der Oderberger Straße Ende August.

"Trotzdem", sagt Marly Riemer "will ich endlich mal wissen, wie es in einer anderen Straße ist. Ich kann mir vorstellen, in Afrika zu leben, aber ich habe keine Ahnung, wie es sich außerhalb der Oderberger lebt."