Was verbindet Kokain, Streß, Infarkt, Sexualhormone und Depressionen?

Ihre Biochemie, meint Rainer Arendt vom Klinikum Großhadern in München. Der Mediziner hat jetzt im Fachblatt Circulation, das von der American Heart Association herausgegeben wird, folgende Beobachtungen veröffentlicht: Kokain kann bei höherer Dosierung Infarkte auslösen, in extremen Fällen treten sogar Herzinfarkte bei Neugeborenen drogenabhängiger Mütter oder tödliches Herzversagen bei jugendlichen Nutzern auf. Eine Erklärung für diese bekannten Phänomene könnte sein, daß Stunden bis Tage nach der Drogeneinnahme hohe Mengen eines körpereigenen, gefäßverengenden Stoffes namens Endothelin im Blut und Urin auftreten.

Arendt und Mitarbeiter konnten an Kulturen von Schweinezellen zeigen, daß Kokain bestimmte molekulare Schalter namens Sigma-Rezeptoren aktiviert. Diese Rezeptoren kommen im Hirn, in der Leber sowie in Blutgefäßen vor und führen in Verbindung mit Kokain zu einer stark erhöhten Produktion des Endothelins.

Dieser Signalstoff wiederum könnte in extremen Fällen die Blutgefäße so weit verengen, daß es zum Infarkt kommt. Die Münchner Ärzte begnügten sich nicht mit Zellkulturen und untersuchten auch Drogenabhängige. Bei zwölf Patienten mit einer Kokain-Intoxikation fanden sie drastisch erhöhte Endothelinspiegel in Blut und Urin, die 3- bis 3,5fach höher lagen als normal.

Kokain verursacht nach dem anfänglichen Kick eine sehr ähnliche Reaktion im Kreislauf wie psychischer Streß, der etwa auf Partner- oder Berufskonflikte, Geldprobleme oder räumliche Beengung zurückgeht. Solcher Dauerstreß gilt ebenfalls als infarktfördernd. Rainer Arendt hofft, mit dem Gespann Sigma-Rezeptor und Endothelin noch einen weiteren Zusammenhang besser erklären zu können: So führen Depressionen zu ähnlichen biochemischen Effekten im Blut wie Streß. Und Depressionen steigern das Infarktrisiko erheblich.

Ferner gebe es Hinweise darauf, "daß weibliche Sexualhormone wahrscheinlich die Sigma-Rezeptoren blockieren", sagt Arendt. Hingegen wirke das männliche Hormon Testosteron entgegengesetzt, es aktiviere die Schalter wie Kokain.

Womit sich zwanglos erklären ließe, warum Männer viel häufiger an Infarkten sterben als Frauen. Und warum Östrogeneinnahme nach den Wechseljahren Herz und Gefäße schützt.