Früher nannte sich das städtische Wasserwerk der alten Kaiserresidenz Petropolis schlicht Gesellschaft für Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung. Heute führt das privatisierte Unternehmen den stolzen Namen Kaiserwasser. Aber sauberer sei das kostbare Naß nicht geworden, nur teurer, klagen die Bewohner. Dies ist die eine Seite der Medaille, die andere: Die 1993 privatisierte Eisenhütte Cosipa in CubatÆo schreibt neuerdings schwarze Zahlen, nachdem sie als Staatsunternehmen einen riesigen Schuldenberg angehäuft hatte.

In Brasilien ist die Zeit der Megaprivatisierung angebrochen. Von Telephongesellschaften über Autobahnkonzessionen bis hin zu Zuckerfabriken ist fast alles im Angebot. Der dickste Brocken kam vergangene Woche unter den Hammer. Innerhalb nur weniger Stunden ging eine der größten Privatisierungen Brasiliens über die Bühne. Neun Konsortien sicherten sich für rund neunzehn Milliarden Dollar die Mehrheit an den zwölf Nachfolgegesellschaften der staatlichen Telekomholding Telebrás. Mit ihren Höchstangeboten dominierte die Telefónica de España die Auktion.

In den nächsten drei bis vier Jahren soll das gesamte staatliche Tafelsilber in private Hände übergehen. Insgesamt dürften dann rund 200 Milliarden Dollar in die Staatskasse, die Infrastruktur und als Investitionen geflossen sein - das entspricht rund einem Viertel der Wirtschaftskraft des Landes (BIP) und übersteigt die gesamte Außenschuld Brasiliens.

Die ersten Schritte, sich aus der Wirtschaft zurückzuziehen, hatte Brasølia bereits vor sieben Jahren unternommen. Der Durchbruch mit der politisch höchst umstrittenen Privatisierung gelang aber erst vor einem Jahr durch die Veräußerung der staatlichen Mehrheit beim weltweit viertgrößten Minenkonzern CVRD, der unter anderem Eisenerz in Amazonien fördert.

Bislang hatten Bund, Länder und Kommunen in Brasilien kaum Probleme, Käufer oder Betreiber für ihre Unternehmen zu finden. Im Gegenteil: Die Angebote übertrafen regelmäßig die Erwartungen. Und das nicht zuletzt deshalb, weil ausländische Konzerne die Chance nutzten, in den brasilianischen Markt einzusteigen. Von dem insgesamt geflossenen Kapital kam rund ein Drittel aus dem Ausland - aus Deutschland aber so gut wie kein Pfennig.

Obgleich Brasilien (nach China) das zweitgrößte Empfängerland ausländischer Direktinvestitionen ist und über den größten Konsumentenmarkt aller Schwellenländer verfügt, halten sich Unternehmen aus der Bundesrepublik bei neuen Anlagen in Brasilien vornehm zurück. Dabei ist SÆo Paulo mit rund tausend ansässigen Töchtern immer noch die "größte teutonische Industriemetropole"

die gesamten deutschen Investitionen aus der Vergangenheit belaufen sich auf insgesamt 12,5 Milliarden Dollar, sie sind für 15 Prozent der Industrieproduktion in dieser achtgrößten Volkswirtschaft verantwortlich - doch viel hinzugekommen ist in letzter Zeit nicht mehr. Die Gründe für die deutsche Zurückhaltung sind verständlich: "Deutschland war mit sich selbst genug beschäftigt, und Osteuropa liegt der einheimischen Wirtschaft näher", bedauert Werner Karl Ross von der Degussa do Brasil.