Es ist wahrhaft ein atemberaubendes Schauspiel, das die Börse seit vielen Monaten bietet. Der Aufstieg der Aktienkurse scheint alle Grenzen der Vernunft zu sprengen. Die dreißig größten deutschen Titel haben ihren Besitzern allein in diesem Jahr schon so viel gebracht wie in den vierzig Jahren zwischen 1954 und 1994 zusammen. Aber glaubt man den Ökonomen, dann ist diese Kursexplosion das Normalste von der Welt, der Börsenboom also Folge ganz vernünftiger Entscheidungen. Die Menschen legten eben mehr fürs Alter zurück. Und die Renditen der Zinsanleihen seien so gering, daß sie auf Aktien ausweichen müßten.

Aber sind die Anleger wirklich so vernünftig? Nicht die rationale Vermögensplanung treibe die Sparer an die Börse, sondern die Gier nach Sex, sagen zum Beispiel die Psychoanalytiker. Das Gefühl, Geld zu verdienen, ohne etwas dafür leisten zu müssen, befriedige tief sitzende erotische Bedürfnisse.

Anders die Philosophen, die in Börsengeschäften eine verkappte Form der Suche nach dem Lebenssinn sehen. Für Friedrich Nietzsche, den wohl schrillsten unter ihnen, ist die Spekulation gar ein Kampf ums Überleben. Nicht finanzielle Not bringe die Menschen dazu, ihr Geld möglichst schnell zu vermehren, sondern der Wille zur Macht, was bei Nietzsche dem Willen zum Überleben gleichkommt. Er sah an der Börse den gleichen Fanatismus am Werk wie den, der "durch den Glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein, entzündet wurde und der so schöne Namen trug, daß man es daraufhin wagen konnte, mit gutem Gewissen unmenschlich zu sein".

Danach werden Börsengewinne als Sieg des Starken über das Schwache erlebt und Börsenrekorde als Triumph des Willens. Welch ungeheuerlicher Gedanke. Der Kursexplosion des Dax sollen die gleichen Motive zugrunde liegen wie Kriegen, Pogromen und Bücherverbrennungen? Glücklicherweise war Nietzsche ein antidemokratischer Antichrist und braucht deshalb nicht ernst genommen zu werden. Einen seiner Leitsprüche sollte man sich dennoch merken. Er geht ungefähr so: Wenn du zum Ökonomen gehst, vergiß die Peitsche nicht.