Was unterscheidet eine gewöhnliche Boutique von einem Fashion-Tempel? Die Kleider auf der Stange und die Preise, sollte man meinen. Vielleicht auch die erlesene Klientel. Alles richtig, aber nicht wirklich entscheidend. Das wichtigste Attribut eines Kultladens, so weiß man in London, ist der Türsteher. Ansonsten wäre Voyage wahrscheinlich nur eine kleine Boutique.

Im Fenster des Ladens in der Fulham Road 115 steht das Portrait einer "Lido"-Tänzerin vor einem Hintergrund aus nachtclubroter Plastikfolie. Sonst nichts. Der Insider weiß, daß es sich hier nicht um einen leer gekauften Trödel-Shop handelt - sondern um jenen Kleiderladen, der angesagt ist wie kein zweiter in der Stadt.

Natürlich soll hier nicht jeder einfach hineinspazieren. Wer shoppen will, muß zuerst an der schwarzlackierten Ladentür mit Sichtschutz klingeln. "Haben Sie eine Mitgliedskarte?" fragt ein Mann mit italienischem Akzent über dröhnender Disco-Musik. Nein? Aber doch sicher eine Visitenkarte? Die Tür schließt sich wieder. Minuten später wird auch der Presseausweis eingezogen

dann endlich wird Eintritt gewährt. Bis auf ein paar Verkäufer, die gelangweilt Pullover zusammenfalten, und ein japanisches Pärchen in schwarzer Couture ist der Laden menschenleer.

Voyage existiert bereits seit acht Jahren. Aber erst in letzter Zeit ist der Laden so angesagt, daß der Türsteher tatsächlich sein Gehalt verdient. Vor allem am Samstagmorgen steht die Kundschaft vor der Tür Schlange. Selbst die Schönen und Reichen Londons scheinen einen kindlichen Spaß daran zu haben, auf dem Bürgersteig auf Eintritt ins Allerheiligste zu warten. Wer clever ist, winkt gleich mit der Kreditkarte in Platin.

Nicht, daß damit Mode mit großen Namen zu erstehen wäre. Voyage führt nur die Hausmarke, Entwürfe des Besitzerehepaares Tiziano und Loise Mazilli: hauchdünne Kleidchen, Röcke und Cardigans in kräftigen Farben, bestickt mit Pailletten, Perlen und Paspeln - eine Mischung aus Hippie-Look und Edel-Elfe, mit der die Mazillis einen Jahresumsatz von, geschätzt, fünf Millionen Pfund machen.

Als das Paar, das früher für Valentino entworfen hat, mit mediterranem Farbsinn und transparentem Knitterstoff in London ankam, galt Schwarz noch als absolutes Mode-Muß. Irgendwann tauchte dann Kate Moss auf einer Party mit einem himbeerroten Voyage-Jäckchen auf