Meiningen/Thüringen

Wieder einmal in einem dieser Duodezfürstentümer, die es bis vor achtzig Jahren noch gab, im Herzogtum Sachsen-Meiningen. Die schmucke, neu herausgeputzte Residenzstadt von ehedem (viel Fachwerk, Klassizismus, Historismus) war im real existierenden Sozialismus von Suhl, der Bezirkshauptstadt, zu ihrem Vorteil ein wenig links liegengelassen worden.

Im Reisegepäck diesmal Lektüre aus fernerer Zeit, aus hier nicht minder fernem Westen, den Marbacher Katalog "Literatur um 1968". Das Lesezeichen steckt bei Seite 520, dem dort abgedruckten Flugblatt des Frankfurter Weiberrats von 1968: "Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen." Wie lange ist das her, in Meiningen wurde es nie wahrgenommen.

Der Aufruf fiel dem Besucher unversehens bei Beethovens Musik zu Goethes Trauerspiel "Egmont op. 84" ein. Sie eröffnete am Abend das letzte Sinfonie-Konzert der Saison im Großen Haus des Meininger Theaters: "Wie klopft mir das Herz! Wie wallt mir das Blut! O hätt' ich ein Wämslein und Hosen und Hut", heißt es in Clärchens Lied, das Kersten Keller, Sopranistin des Hauses im langen Abendkleid, mit dem Stoßseufzer endete: "Welch Glück sondergleichen, ein Mannsbild zu sein." Auch hier: Welche Entfernung in Zeit und Raum. Dirigiert wurde das Konzert von Marie-Jeanne Dufour, Generalmusikdirektorin des Hauses, in Wämslein und Hosen, ohne Hut, aber fraglos kein Mannsbild.

In Meiningen trampelt der Fortschritt nicht lautstark, kommt vielmehr seit 130 Jahren auf leisen Sohlen einher. Emanzipation, ja, eine weitreichende Kulturrevolution entwickelten sich fast beiläufig und - aus dem Schloß. Der weit über die Grenzen des kleinen Fürstentums, sogar des Reichs hinaus wirkende Aufbruch zu neuen Ufern in der Welt des Theaters und der Musik wurde initiiert von Georg II. und seiner dritten, dem Witwer unter dem Mißfallen des deutschen Hochadels zur linken Hand angetrauten bürgerlichen Gemahlin.

Aus der berühmten Schauspielerin Ellen Franz wurde so die Freifrau Helene von Heldburg. In ihren 41 Ehejahren mit dem kunstsinnigen Theaterherzog, wie Georg II. noch heute genannt wird, haben beide das Theater ihrer Zeit revolutioniert, indem sie für die Idee des Werkes, ihre historische Wahrheit und die entsprechende Regie eintraten und den realistischen Ensemblestil durchsetzten. Der große Theatermann Otto Brahm, Mitbegründer der Freien Bühne, schrieb 1890: "Eine Neugestaltung des ganzen klassischen Repertoires ist die Folge gewesen ... auch bis tief in das moderne Schauspiel hinein, bei uns in Berlin, auch bis in die Inszenierung der deutschen Bühnen und außerdeutschen Bühnen hier und dort und überall, reicht die Wirkung ... der Meininger. Sie haben auf der ganzen Linie gesiegt." Hinter dem Rübezahlbart des Herzogs - er starb im Juni 1914 - verbarg sich ein staunenswertes Verständnis für zeitgenössische Kunst, die er mit Werken von Björnson, Ibsen und Gerhart Hauptmann auf die Meininger Bühne brachte. Liebevoll haben die gegenwärtigen Meininger ihre kleine Bühne "Georgie's Off" genannt.

"Das Theater - eine poetische und soziale Tatsache"