Mike Naumann als Kulturbeauftragter eines zukünftigen SPD-Kanzlers hat eine Debatte über die kulturelle Rolle des Zentralstaats in Deutschland ausgelöst, die aus Sicht des Goethe-Instituts überfällig war. In ihr durchdringen sich zwei Motive auf unglückliche Weise. Das verzerrt besonders die Diskussion über die Frage, ob die Goethe-Institute zukünftig nicht mehr beim Auswärtigen Amt, sondern beim Bundeskanzleramt ressortieren sollten. Das eine dieser beiden Motive könnte man das "staatsästhetische" nennen. Gemeint ist die Frage, ob nicht 53 Jahre nach dem Zusammenbruch des Hitler-Staates auch deutsche Zentralregierungen jene Aktivitäten entfalten dürfen, die man als "Glanz", "Traditionsbewußtsein" und Repräsentativität an den Regierungen Frankreichs oder Großbritanniens bewundert. Der Zentralstaat soll kulturell wieder etwas hermachen dürfen - auch der deutsche.

Im zweiten Motivkomplex mischen sich praktische Erwägungen mit politischen Befürchtungen. Man weist darauf hin, wie eng die Tätigkeit der Goethe-Institute in der täglichen Praxis - von Statusfragen bis zum lokalen Tarifrecht - mit den deutschen Auslandsvertretungen verknüpft ist, daß der Apparat des Auswärtigen Amts mit seinem großen juristischen Sachwissen zur Betreuung der Institute bereits existiert und beim Bundeskanzleramt wieder aufgebaut werden müßte, daß aus ähnlichen Gründen in Frankreich oder in Italien, wo es Kulturminister gibt, das Institut Français und das Itali enische Kulturinstitut dem Außenamt zugeordnet sind und daß schließlich Nähe zum Bundeskanzler automatisch mehr Staatsnähe bedeuten müsse. Die Tradition parteiunabhängiger und programmautonomer auswärtiger Kulturpolitik beruht nun einmal seit Jahrzehnten auf der bewährten Zusammenarbeit des Goethe-Instituts mit dem Auswärtigen Amt. Never change a winning team. Auf diesem Hintergrund plädiere ich für Pragmatismus. Es spricht viel dafür, aus Gründen der Praktikabilität weiterhin im Verantwortungsbereich des Außenministers zu bleiben. Deshalb hat die Mitgliederversammlung des Goethe-Instituts die existierende Zuordnung als sachgerecht bezeichnet und den Präsidenten des Instituts, Hilmar Hoffmann, beauftragt, diesen Standpunkt nach außen zu vertreten.

Zugleich kann es nicht schaden, einen starken Ansprechpartner im Bundeskanzleramt zu haben, der sich als Katalysator begreift, der Themen setzt, der ästhetisch-politisches Selbstbewußtsein zeigt, ja auch: Glanz entfaltet. Michael Naumann, ein flamboyanter Kopf, ein beweglicher Geist, könnte diese Katalysatorrolle übernehmen - und, indem er im Inneren koordiniert und die allgemeinen Rahmenbedingungen für die Kulturpolitik verbessert, durchaus auch eine aktive Kulturpolitik im Ausland anschieben. In den polarisierenden Debatten der letzten Wochen wurde immer übersehen, daß die Übergänge zwischen innerer und auswärtiger Kulturpolitik fließend sind.

Die Kulturaußenpolitik fängt im Inland an. Stichworte sind: die Bedeutung differenzierter Migrantenkulturen in Deutschland, interkulturelles Lernen, die in Umrissen entstehende europäische Kulturinnenpolitik. Wenn es künftig gebündelte Zuständigkeiten beim Auswärtigen Amt für den gesamten Bereich der auswärtigen Kulturpolitik und beim Kanzleramt für die Bundesaufgaben im Kulturbereich geben sollte, dann wird sich die Frage nach der Koordination mit neuer Schärfe stellen. Es gibt das kaum bekannte, bisher so gut wie nie genutzte Instrument des Kanzlererlasses, der Kompetenzverschiebungen und Mitbestimmungsrechte unter den Ministerien regeln kann. Ein künftiger Regierungschef wird in den von der SPD angedachten Szenarien davon Gebrauch machen müssen.

Jahrzehntelang haben deutsche Intellektuelle herausgehobene ästhetisch-politische Aktivitäten Bonns, sofern sie überhaupt stattfanden, eher als peinlich empfunden. Das ehrt sie. Vielleicht jedoch stehen wir an der Schwelle eines Jahrtausends, dem man unrecht tun wird, wenn man es allzu ausschließlich aus der Sicht des Justemilieu der sechziger und siebziger Jahre betrachtet. Die Republik wird erwachsen - und es freut eine Institution wie das Goethe-Institut, daß man das auf dem Feld der Kultur besonders früh merkt.

Der Autor ist Generalsekretär des Goethe-Instituts