die zeit: Monsieur Minc, Sie sind in Frankreich einer der wenigen enthusiastischen Verfechter der Globalisierung. Der Originaltitel Ihres Buches, das in dieser Woche auf deutsch erscheint, lautet: "Die glückbringende Globalisierung".

Alain Minc: Ich bin kein Enthusiast, ich bin Realist. Die Globalisierung ist für unsere Volkswirtschaften das, was für die Physik die Schwerkraft ist. Man kann nicht für oder gegen das Gesetz der Schwerkraft sein - man muß damit leben. Die Globalisierung ist nicht aufzuhalten, sie ist ein Fakt.

zeit: Aber was ist das Glückbringende daran?

Minc: Für uns Europäer ist sie ein Glücksfall - allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Die wichtigste ist die Stärkung Europas als wirtschaftliche Einheit. Deshalb sorgt die Einführung des Euro dafür, daß die Globalisierung den Europäern zum Vorteil gereichen kann.

zeit: Die meisten Deutschen verbinden mit der Globalisierung Jobverlust, Produktionsverlagerung in Billiglohnländer und Sozialabbau. Nicht umsonst ist das Buch "Der Terror der Ökonomie" Ihrer französischen Autorenkollegin Viviane Forrester in beiden Ländern ein Bestseller.

Minc: Die Globalisierung wirft tatsächlich Fragen auf, und das Buch von Viviane Forrester antwortet emotional darauf. Ich dagegen versuche, rationale und differenzierte Antworten zu finden. Die Industrieländer konnten sich lange Jahre dank ihres technologischen Vorsprungs hohe Sozialstandards leisten. Heute hingegen haben wir freien Kapitalverkehr, die Technologien sind weltweit verfügbar, und es gibt rund um den Globus gutausgebildete Leute, die sie anwenden können. Der technologische Vorsprung ist verschwunden - und damit die Garantie für unsere hohen Sozialstandards. Forresters Buch ist der Ausdruck der Angst, die diese veränderte Situation auslöst.

zeit: Können Sie die Leute beruhigen?