Viele Forscher halten Wissenschaftsromane für ähnlich erbaulich wie einen großen Schluck saurer Milch. Entweder strotzen die Geschichten vor Ungenauigkeiten, oder sie sind so weit in die Zukunft projiziert, daß die beschriebenen technischen Aspekte jenseits des Vorstellbaren liegen.

Andererseits finden Durchschnittsleser wissenschaftliche Sachbücher meist so dröge wie die Meinungen und Messungen der kauzigen Schlaumeier in ihren Laborkitteln, Cordhosen und Karohemden. Denn wie unterhaltsam ist schon ein Buch über Quantendynamik und westliche Philosophie im Vergleich zum handfesten Spionagethriller?

Der Exforscher Richard Preston, Autor des ganz und gar wahren Sachbuches "Hot Zone", das den haarscharf und rein zufällig verhinderten Ausbruch der fürchterlichen Ebola-Seuche schildert, hat für seinen neuen Report den Schritt zum Roman gewagt und entfesselt darin nach Herzenslust die Kräfte der Hölle. Ein gentechnisch auf Menschen zurechtgestrickter Virus aus Motten meuchelt mitten in Manhattan die siebzehnjährige Kate. Das letzte, was die Schülerin (leider nur in der englischen Originalausgabe) kristallklar sagen kann, ist "oh", während sie mit durchgebogenem Rückgrat, selbst abgebissenen Lippen und laufender Nase auf dem Boden der Toilette neben dem Kunstklassenzimmer im eigenen Blut und Urin stirbt. Wenig später ist auch Kates Kunstlehrer tot. Eine Mitarbeiterin des Center for Disease Control aus Atlanta und der Chief Medical Examiner von New York City sollen den rätselhaften Fall klären. Als einer der obduzierenden Rechtsmediziner mit Schnupfennase und goldgeränderter Iris den Sektionsgehilfen köpft und sich dann die Haut vom Schädel reißt, wird es echt brenzlig. Die Toten landen in dreifachen Sicherheitshüllen im Tiefkühlfach.

Prestons Thriller könnte wahr sein - eine unangenehme Vorstellung

Wer Preston bis hierhin folgen kann, hat seine Nerven bereits für das Kommende gestählt. Denn nun fahnden neben dem FBI, einem Heer von Polizisten, Feuerwehrleuten und Ärzten, golfkriegserprobten Fachleuten für Biowaffen auch eine Kunsthistorikerin und ein Botaniker nach dem Ursprung des Virus - bis zum explosiven Höhepunkt der Detektivgeschichte.

Der nach klassischen Horror- und Krimigrundzügen gebaute "Cobra Event" hinterläßt trotz großen Lesevergnügens einen unangenehmen Nachgeschmack. Denn die ihm zugrundeliegende Idee entspricht der biologischen Kriegführung und ist zum Großteil wahr. Sie beginnt in einem von Indianern belagerten Fort und endet in einer katastrophalen Anzahl politischer Lügen. "Schicken Sie die Pocken unter die abscheulichen Indianerstämme", hatte Sir Jeffrey Amherst, der britische Oberbefehlshaber über Nordamerika, im Sommer 1763 an das von der Versorgung abgeschnittene Fort Pitt geschrieben. Von dort ließ Colonel Henry Bouquet Decken seiner pockenkranken Soldaten zu den vollkommen unimmunisierten Angreifern schmuggeln. Nach den seit Jahrhunderten bekannten Brunnenvergiftungen mit Erregern aller Art hatten Amherst und Bouquet eine neue Variante biologischer Kriegführung gefunden.

Nachdem deutsche und französische Truppen im Ersten Weltkrieg Cholera, Pest und Milzbrand über ihre Feinde gestreut hatten, trat 1925 das Genfer Protokoll in Kraft, das Giftgas und Biokampfstoffe als Kriegswaffen verbot.