Man muß die Feste feiern, wie sie am wirkungsvollsten sind. Nach der triumphalen Eröffnung der Berliner Gemäldegalerie mit den aus Ost und West vereinten Bildschätzen, nach der Wiedereröffnung der umgebauten Bremer Kunsthalle und des renovierten Frankfurter Städelschen Kunstinstituts inszenierte Bayern in diesen Sommerwochen einen Festkalender, der andernorts für fünf Jahre gereicht hätte, hier und jetzt aber in der gewollten Konzentration vor allem ein Ziel hatte: den bayerischen Wählern, die im Herbst die doppelte Wahl haben, ihr Land in noch bla uweißerem Glanz zu zeigen, als es ohnehin schon ist und dem Rest der Welt, vor allem der deutschen, zu bedeuten, daß es ein lebenswertes kulturelles Leben außerhalb von München oder jenseits der bayerischen Landesgrenzen kaum gibt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. "Die Wiedervereinigung", so der weitsichtige Ministerpräsident Edmund Stoiber bei einem dieser festlichen Anläße, dem Richtfest für die Pinakothek der Moderne in München, "hat auch im kulturpolitischen Bereich neue Herausforderungen gebracht. Berlin, die neue und alte Hauptstadt Deutschlands, wird in wenigen Jahren auch in der Kultur eine Führungsrolle beanspruchen. Dagegen mußten wir etwas setzen. Das ist einer der wesentlichen Gründe, warum wir den Bau der Pinakothek der Moderne mit größten Anstrengungen vorangetrieben haben."

Edmund Stoiber und sein Kultusminister Zehetmayer kamen in diesen Wochen von den Rednerpulten nicht mehr herunter: Am 6. Juli wurde das Völkerkundemuseum wiedereröffnet, am 11. Juli die Neue Pinakothek, am 16. Juli das Richtfest für die Pinakothek der Moderne, am 23. Juli die Wiedereröffnung der Alten Pinakothek gefeiert, am 31. Juli der bisherige Generaldirektor der bayerischen Gemäldesammlungen verabschiedet und sein Nachfolger begrüßt.

Johann Georg von Hohenzollern Sigmaringen, seit 1991 ein segensreich wirkender General, übergab Peter-Klaus Schuster, der in Berlin energisch und inspiriert die beiden Nationalgalerien geleitet hatte, einen großen goldenen Schlüssel aus Holz. Es war, in der Halle der Neuen Pinakothek, ein redenreiches Ereignis, und viel Beifall gab es, als Hohenzollern es ein gutes Omen nannte, daß auch sein Nachfolger aus Süddeutschland stamme, und Schuster replizierte, daß er auch in Berlin seine Münchner Autokennummer aus früheren Tagen beibehalten habe. Daß Schuster München den "Aufbruch in das Außergewöhnliche" versprach (oder verordnen wird) und die "Museumsmaschine" im Sinne des von ihm zitierten Wilhelm von Bode kräftig anzuwerfen gedenkt, wurde eher überhört.

Die Münchner Alte Pinakothek, die 1836 von Bayerns zielstrebig kunstverschwärmtem König Ludwig I. eröffnet wurde, ist die Geburtsstätte der klassischen Museumsarchitektur und die neben Berlin wohl eindrucksvollste Gemäldegalerie Deutschlands zugleich. Leo von Klenze, der bayerische Hofarchitekt, hat in dem langgestreckten, dreischiffigen Bau, der in das damals noch freie Feld der Maxvorstadt gesetzt wurde, von außen den ideellen Anspruch der Kunst durch den Hinweis auf Tempel und Kirche bekräftigt. Und er hat im Inneren durch die Verbindung von großen Oberlichtsälen mit kleinen Seitenkabinetten einen Funktionsbau für die Kunst geschaffen, der weltweit Nachahmer fand und den auch Richard Meier noch einmal inspizierte, bevor er seine Pläne für das Getty Museum in Los Angeles entwarf.

Mit dem Bau stand auch das Museum in seiner ganzen Fülle da. Denn als der von Ludwig I. zum Galeriedirektor ernannte Georg von Dillis an die Einrichtung der Gemäldegalerie ging, da konnte er sich nicht nur auf die Akquirierungslust des königlichen Freundes verlassen, der 1827 mit dem Kauf der Sammlung der Brüder Boisserée über 200 altniederländische und altdeutsche Tafeln, darunter Rogier van der Weydens Dreikönigs-Altar, in seinen Besitz gebracht hatte. Die Unberechenbarkeit von dynastischen und politischen Entwicklungen zwischen Krieg und Frieden hatten dem Haus Wittelsbach schon zuvor einen reichen Zugewinn an Kunst gebracht. 758 vorwiegend holländische Gemälde wurden 1798, als die Besetzung Mannheims durch die Franzosen drohte, aus der Schloßgalerie nach München gebracht, 1799 kamen die Bestände der Zweibrücker Gemäldegalerie dazu, und 1806, als die Annexion der Niederpfalz durch Frankreich drohte, ließ Max I. Joseph in zwölf mehrspännigen Wagen den Inhalt der Düsseldorfer Galerie nach München bringen, darunter den Passionszyklus von Rembrandt, 25 Arbeiten von van Dyck und 46 von Rubens. Die Säkularisation der Klöster nach 1803 hatte den mühelosen, fulminanten Zugewinn in der altdeutschen Abteilung zur Folge.

Die alliierte Bombe, die 1943 die Mitte des Gebäudes zum Einsturz und die Säle zum Brennen brachte, traf nicht die Kunst, die ausgelagert war. 1957 wurde die Alte Pinakothek wiedereröffnet, Hans Döllgast hatte das Haus innen knapp, aber entscheidend durch eine streng gegenläufige Treppe hinter der südlichen Langhausfassade verändert und außen die Markierungen des Krieges in unverputzten Backsteinflächen stehen lassen. Die über siebzig Millionen Mark, die seit der Schließung 1994 in die Sanierung gesteckt wurden, sind, von einigen Veränderungen in der Eingangshalle abgesehen, kaum zu sehen, sondern effektvoll versteckt in Notwendigkeiten wie Klima- und Lichttechnikanlagen sowie einem Sicherheitssystem, das von 83 flexiblen Videokameras versorgt wird und bei einer Annäherung von weniger als zwanzig Zentimetern einen stillen Alarm auslöst.

Ein Duft von Sauerkraut empfängt den Eintretenden in den alten und neuen, in jedem Falle heiligen Hallen der Museumskunst. Die olfaktorische Seite bayerischer Identität verdankt sich einer neuen Cafeteria im Westflügel des Erdgeschosses, und wer in kunsthistorischer Folgerichtigkeit bei der altdeutschen Malerei beginnen will, der muß an dieser Stätte offener Gastlichkeit vorbei und beendet den ersten Rundgang zwischen abgegessenen Tischen.