Der erste Satz ist immer der schwerste. Das kann für ein Rendezvous genauso gelten wie für einen Reisebericht. Das amerikanische Vademekum für Weltbewegte, National Geographic, eröffnet ein Länderportrait in seiner neuesten Ausgabe mit dem schönen Satz, Dänemark sei "ein kleines Land von fünf Millionen Seelen, die meisten von ihnen Andersens, Hansens, Jensens, Jacobsens, oder Petersens, mit ein paar Madsens und Mortensens und Rasmussens als Abwechslung daruntergemischt."

Ja, so sind sie, die Dänen, schmunzelt der geneigte Leser. Aber sie sind gar nicht so. Was wären unsere nördlichen Nachbarn ohne ihre stürmischen Laudrups und ihren haltenden Schmeichel? Wenn man den dänischen Fußballkader bei der Weltmeisterschaft als Mikrozensus nimmt - angesichts des kleinen Landes hat wahrscheinlich jeder Einwohner einen Schwager oder Schulfreund in Frankreich kicken sehen - , dann irrt National Geographic. Kein einziger der 22 Akteure hörte auf einen der "typisch" dänischen Namen.

Ja, so sind sie, die Medien, entzücken oder entrüsten ihre Kundschaft mit wunderhübschen Sätzen. Wenn sie vielleicht nicht ganz stimmen, haben sie immerhin schön geklungen. Und was wäre über die Dänen als solche schließlich sonst zu sagen? Daß sie im Kro tief in ihre Tuborg- und Aquavit-Gläser schauen? Daß sie Tunnels und schwindelnd hohe Brücken konstruieren?

Dänemark, urteilt National Geographic, sei die Inkarnation eines zivilisierten Landes, praktisch ohne Kriminalität. Legoland eben. Selbst wenn von Zeit zu Zeit ein Spaßvogel die kleine Meerjungfrau klaut, rückt er das gute Stück am Ende doch immer wieder heraus. Wahrscheinlich ist es deshalb so schwer, eine spannende Geschichte über unser Nachbarvolk zu schreiben, in dessen Staat heutzutage so gar nichts faul zu sein scheint.

Faul ist allenfalls das Wetter. Der Landeanflug auf das wolkenverhangene Kopenhagen kam dem US-Reporter wie das Einfahren in ein Bergwerk vor. Um so überraschender kommt es uns vor, daß es den Dänen jedes Jahr wieder gelingt, in einer Jahreszeit, die anderswo Sommer heißt, Millionen Ferienhäuser zwischen Sund und Skagerrak an abgehärtete deutsche Urlauber zu vermieten.

Da sitzen wir dann und sinnieren am knisternden Kaminfeuer, warum wir wieder in die falsche Richtung gefahren sind. Sommer, das wäre was. Wenigstens ist es abends in Lökken oder Hvide Sande viel länger hell als auf Kreta oder Lanzarote. Und bei der Schlüsselübergabe in der Ferienhausvermietung lasen wir beiläufig das Namensschild des Sachbearbeiters. Er heißt Rasmussen.

National Geographic hat recht. Und Klischees stimmen eben doch. Aber vielleicht habe ich das auch nur geschrieben, weil der letzte Satz immer der schwerste ist.