Die eigene Partei hatte dem Finanzminister empfohlen, sich bis auf weiteres nicht wieder für "führende Posten in Partei und Regierung" zu bewerben. Das war im Mai 1989, Japans regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) hatte einen Bericht veröffentlicht, der Beamten "in höchsten Positionen sehr schwere Verantwortung" für den Recruit-Skandal zuschrieb. Diese hatten Wertpapiere noch vor der öffentlichen Börsennotierung des Unternehmens erstanden, um sie später mit beträchtlichem Profit zu verkaufen. Auch Finanzminister Kiichi Miyazawa war in den Strudel des Aktienskandals geraten.

Vor einer Parlamentskommission mußte er einräumen, daß auf den Namen seines Sekretärs Wertpapiere gekauft und wenig später mit einem Gewinn von zwanzig Millionen Yen verkauft worden waren. Während der Sekretär gerichtlich belangt wurde, mußte Kiichi Miyazawa am 9. Dezember 1988 seinen Rücktritt verkünden.

Als Miyazawa in der vergangenen Woche abermals Finanzminister wurde, war in der japanischen Öffentlichkeit von diesem Skandal kaum die Rede. Das mag daran liegen, daß ihm schon drei Jahre nach dem damaligen Rücktritt ein beachtliches Comeback gelang. Von 1991 bis 1993 diente er als Premierminister. Nun bekniete ihn der frischgebackene Premier Keizo Obuchi, vor dem Hintergrund einer ernsten Rezession erneut das Finanzministerium zu übernehmen. Miyazawa wird schließlich nicht nur von Parteifreunden, sondern auch von unabhängigen Kommentatoren große wirtschaftspolitische Kompetenz nachgesagt.

Diese Einschätzung allerdings ist kaum nachvollziehbar. Als er in den achtziger Jahren Finanzminister war, blähte sich eine Seifenblase aus Immobilienspekulation gewaltig auf, die dann mit lautem Knall platzte und eine nun acht Jahre anhaltende Wirtschaftsflaute einläutete. Der gewaltige Berg von faulen Krediten, auf dem Japans Banken heute noch sitzen, stammt aus jener Zeit. Der Premierminister Miyazawa unternahm in den neunziger Jahren nichts dagegen. Kurz bevor er 1993 auch als Premier zum Rücktritt gezwungen wurde, hatte er munter eine Erholung der japanischen Wirtschaft prophezeit.

Kiichi Miyazawa wird ein sehr enges Verhältnis zu dem mächtigen Parteiveteranen Noboru Takeshita nachgesagt. Takeshita, der wegen des Recruit-Skandals als Premier zurücktreten mußte, hatte dafür gesorgt, daß sein Schützling Keizo Obuchi jetzt Premier werden konnte. Takeshita soll sich hinter den Kulissen auch für Miyazawa stark gemacht haben. Das könnte auch die Gelassenheit erklären, die Miyazawa während der heißen Phase der Kabinettsbildung demonstrierte. "Wenn jemand das Gefühl hat, daß ihm bei der Bildung eines neuen Kabinetts ein Posten gegeben werden könnte, dann fährt er nicht Golf spielen", kokettierte er früher einmal, "und doch bin ich schon zweimal vom Golfplatz weg ins Kabinett berufen worden." Auch diesmal golfte er gerade, als das Telephon klingelte.

Trotz seiner skandalumwobenen Vergangenheit reagierten sowohl der Kurs des Yen als auch die Börse zunächst positiv auf die Nachricht seiner erneuten Amtsübernahme - wegen seiner Regierungserfahrung, der ihm nachgesagten Kompetenz in Finanzfragen und seinen engen Kontakten zu amerikanischen Spitzenpolitikern. Doch Kiichi Miyazawa hat Zweiflern an seinen Fähigkeiten Munition geliefert, indem er öffentlich über sein fortgeschrittenes Alter philosophierte. Er ist immerhin 78 Jahre alt.