Belfast

In Nordirland müssen Radio- und Fernsehjournalisten einen Drahtseilakt bestehen. Sie bewegen sich zwischen Unionisten und Nationalisten, die absolut entgegengesetzte Ansichten darüber haben, was die tatsächliche Wirklichkeit im Lande ausmacht. Während wir Journalisten gern stolz auf unsere Unabhängigkeit und Objektivität sind, werden wir unablässig von Menschen auf beiden Seiten der politischen Wasserscheide kritisiert, die uns Vorurteile gegenüber ihrer jeweiligen Tradition vorwerfen.

Nordirland müßte die politisch bewußteste Wählerschaft in der Welt haben. Auf jeden Fall ist sie die erfahrenste, denn allein während der vergangenen zwei Jahre mußte sie fünfmal an die Urnen. Dieses Wahlvolk ist ungefähr sechzig zu vierzig Prozent aufgeteilt zwischen protestantischen Unionisten und katholischen Nationalisten. Das heißt, sechs von jeweils zehn Menschen glauben, daß die Medien vor allem die Bindung zwischen Britannien und Nordirland zerstören möchten. Die anderen vier wiederum sind absolut überzeugt davon, daß wir alles unternehmen, um die Hoffnung auf eine irische Einheit zu unterdrücken.

Wenn ich einen Politiker aus einem der beiden Lager interviewe, dann verfolgen die Zuhörer meine Fragen mit großer Sorgfalt. Sie suchen nach Hinweisen auf meine eigene Meinung und sind entschlossen, sicherzustellen, daß der "anderen Seite" kein unfairer Vorteil eingeräumt wird. Das Problem ist, daß die Zuhörer in den meisten Fällen nur die Dinge hören, die ihre eigenen Vorurteile bestätigen. Und deshalb können wir nicht gewinnen.

Dabei geht es hier in der Politik im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod, um grundsätzliche Fragen der Identität und des Territoriums. Seit dreißig Jahren haben Journalisten Politiker zur Rede gestellt, und sie haben sie oft angeklagt, entweder stillschweigend oder ganz aktiv den Einsatz von Gewalt zu fördern zum Nutzen ihrer eigenen politischen Zwecke. Unter solchen Umständen finden es Politiker oft einfacher, ihre Interviewer der Fehlinterpretation oder des Vorurteils anzuklagen, als eine Frage klar zu beantworten.

Als einige Chefs der BBC während der Juniwahlen zur Nordirischen Versammlung von London hierherkamen, glaubten sie ihren Ohren nicht zu trauen. Niemals zuvor, sagten sie, hätten sie solche Verbalattacken auf einen Fernsehinterviewer erlebt. Für mich jedoch, das unglückliche Ziel dieser Angriffe, ist das tägliches Brot der Politik. Für den Präsidenten von Sinn Fein, Gerry Adams, war ich der "feindselige Interviewer". Für den Führer der extremen protestantischen Unionisten, Ian Paisley, war ich "eine Ausgeburt des Teufels", und so ging es weiter während des langen Tages der Live-Übertragungen am Wahltag.

Die meisten von uns Journalisten sind gebürtige Nordiren. Wir haben unser Leben hier verbracht und ziehen unsere Familien hier groß. Wie jedermann sonst schleppen wir die Einflüsse unseres Geburtsortes und unserer Erziehung mit uns herum. Aber wir können in diesem Dschungel nur überleben, indem wir das alles beiseite lassen und uns fest in der Mitte dieses geteilten Gemeinwesens ansiedeln.