Selten war ein Loch im Sommer so sichtbar und gut zu vermessen: zehn Meter tief, vierzig Meter breit, siebzig Meter lang. Im "Krater von Lassing" versanken beim Einsturz eines Bergwerkes am 17. Juli nicht nur zwei Wohnhäuser, einige Schuppen und die linke Fahrspur der Landstraße nach Rottenmann in der Steiermark, hier versanken auch Glaube, Liebe und Hoffnung eines ganzen Landstriches.

Am ersten Tag versank der Glaube, das Talkumbergwerk der Naintsch-Mineralwerke sei das sicherste Bergwerk Österreichs, wenn nicht der ganzen Welt, am zweiten Tag die Liebe von zehn Frauen, deren Ehemänner und Freunde bei dem Versuch verschüttet wurden, ihren durch Massen von Schlamm eingeschlossenen Kumpel Georg Hainzl zu retten. Und nach zwanzig Tagen Warten versank schließlich auch die Hoffnung, die Rettungsmannschaften könnten am Ende doch noch Lebende aus der Tiefe bergen.

Daß es mitten in, nein, mitten unter dem Naturschutzgebiet von Lassing ein richtiges Bergwerk gibt, das diesen Namen verdient, hatten bis dahin nicht einmal alle Nachbarn in Irdning, Lietzen und Döllach gewußt. "Kumpel" ist kein Wort dieser Landschaft, die Mehrzahl der Menschen hier arbeitet noch auf den Bergwiesen und nicht darunter. Die Bohrtürme liegen hinter Bäumen versteckt, und die Talkummühle selbst sieht nicht viel anders aus als eine etwas größer geratene Raiffeisen-Lagerhalle. Nur das hier nicht gerade erwartete Bordell "Crazy Love" an der Straße nach Lassing war vielleicht ein Zeichen dafür, daß die Geranienidylle trügt. Wegen des Unglücks im Bergwerk bleibe der "Betrieb vorübergehend geschlossen", steht auf einem Zettel an der Tür, wofür "die Belegschaft um Verständnis bittet".

Die 34 Lassinger, die einen Job im Bergwerk hatten, wurden beneidet, weil sie am Ende des Monats mehr Geld nach Hause brachten als ihre bäuerlichen Nachbarn. 30 000 Tonnen Talk werden jährlich aus dem Berg geholt, manche meinen, das sei eben zuviel gewesen. Raubbau sei da betrieben worden auf Kosten der Sicherheit. In der Tat steht der Betreiber des Werks, der weltgrößte Bergbaukonzern Rio Tinto, nicht gerade im Ruf größter sozialer Verantwortung. In Entwicklungsländern soll die Firma laut einem Bericht der Financial Times aus London auch Kinder als Arbeitskräfte einsetzen.

Am Tag vor dem Lassinger Grubenunglück war im Berg wieder einmal gesprengt worden. Hatten die Erschütterungen die Katastrophe ausgelöst? Zwei Wochen später hält der Geschäftsführer der Grube, Walter Engelhardt, sein Werk noch immer "für das sicherste Bergbauunternehmen Österreichs". Doch inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Schon während der Rettungsarbeiten fingen sechs Kriminalbeamte mit der Ursachenforschung an und stellten dem Betreiber so unangenehme Fragen wie die, warum den Rettungsmannschaften die Grubenpläne so spät und dann nur zögerlich ausgehändigt wurden.

Den bislang schwerwiegendsten Vorwurf äußerte der Bürgermeister von Lassing.

Bernhard Zeiser kann sich bis heute nur schwer erklären, warum die zehn verschütteten Bergleute, die ihren auf etwa sechzig Meter Tiefe eingeschlossenen Kollegen Hainzl retten sollten, bis auf die zehnte Ebene in einer Tiefe von 130 Metern hinuntergelassen wurden. Für Zeiser ein Hinweis darauf, "daß sie gar nicht den Georg retten, sondern das Bergwerk vor dem Einsturz sichern sollten". Doch nichts hat die Lassinger mehr erschüttert als die Bestellung von elf Särgen zwei Tage nach dem Unglück. Was das zwischen den Dorfbewohnern und ihrem Bergwerk angerichtet hat, nennt Bernhard Zeiser "puren Haß, und damit können wir in Zukunft nicht leben". Daß zuletzt mehr österreichische Gendarmen, ausgestattet mit Schlagstöcken, um die Grube standen als Retter, war die bürokratische Antwort auf diesen Haß.