Alarm! Deutsche Musikindustrie in der Krise. Die Klassikbranche mußte schon vor zwei Jahren Wet T-Shirt Contests mit Vanessa Mae veranstalten und Schmalzstullen wie Andrea Bocelli eingemeinden, um noch ein paar Scheiben loszuschlagen. Jetzt hat es auch die Popabteilung erwischt:

Die deutschen Tonträgerunternehmen verzeichnen in der laufenden Saison ein Minus von sechs Prozent. Im Juni und Juli sind die Verluste im Geschäft mit CDs und Musikkassetten gar zweistellig geworden.

Allzulange hatten sich die Plattenfirmen vom trügerischen Glanz der CD-Konjunktur blenden lassen. Von der Kaufkraft der ehemaliger Teenager-Musikfans,die später, als Besserverdiener, all die zerschrabbelten Vinylplatten aus ihrer Jugend noch einmal im Compact-Disc-Edelschuber mit Goldrand erwarben. Doch mittlerweile hat jeder seinen kompletten Hendrix und seine Beatles-Boxen doppelt und dreifach im Schrank, und Neuproduktionen werden deutlich zaghafter angefaßt als die liebgewonnenen ollen Kamellen.

In Gefahr und größter Not wird die Musikindustrie umtriebig und kündigt innovatives technisches Spielgerät an, um die lahmen Kaufinstinkte zu beleben. So etwas wie die Super-Audio-CD mit Zwölfzylinder und Antiblockiersystem, die Videoclips einspielen, Hintergrundinfos liefern und vielleicht noch Spaghetti kochen kann. Doch der Versuch, den Nutzwert des Produktes zu erhöhen und mit High-Tech-Schnickschnack verlorenes Terrain zurückzugewinnen, geht in die falsche Richtung. Denn das Problem der Musikbranche ist weder die CD noch der künftige Super-Audio-Megawhopper, sondern das, was darauf gespeichert ist: Musik von einer erschreckenden Halbwertszeit

Klänge, die trotz ihrer Omnipräsenz in Funk, Fernsehen und Walkman keine reale Gegenwart besitzen. Mit einem Wort: Die Musikindustrie hat, nachdem die sechziger und siebziger Jahre bis zum letzten Tropfen gemolken wurden, eine Repertoirelücke.

Kein neuer Elvis in Sicht, kein neuer John Lennon und Kurt Cobain ist auch schon tot. Die Vision vom integralen Gesamtpopstar mit Karriere auf Lebenszeit wird immer fadenscheiniger. Statt dessen geben sich wechselnde Boy- und GirlGroups bei ihren Kurzauftritten auf der Weltbühne die Klinke in die Hand. Man kennt die Gründe für die Malaise. Wie ein Mantra werden sie seit Jahren heruntergebetet: kurze Aufmerksamkeitsspanne, konkurrierende Medien, musikalisches Stil-Chaos. Und trotzdem ist man ratlos: What have they done to our song, Ma?