Seit Mitte der achtziger Jahre legt der gelernte Bergbauingenieur, Manager, Unternehmensberater und Publizist Alain Minc ungefähr jedes zweite Jahr ein Buch vor, in dem er sich mit aktuellen wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen auseinandersetzt. Sein Markenzeichen ist der Mut zu ausgreifenden wirtschaftlichen Prognosen, zu harten Alternativen und zu bodenlosen geopolitisch-geschichtsphilosophischen Spekulationen.

Nachdem das in über ein Dutzend Sprachen übersetzte Buch "Der Terror der Ökonomie" von Viviane Forrester auch in Frankreich ein Riesenerfolg wurde, war zu erwarten, daß sich Minc das Thema "Globalisierung" nicht entgehen lassen würde. Während die Literaturwissenschaftlerin Forrester den Irrationalismus und Zynismus sowie die weltweit katastrophalen Auswirkungen der neoliberalen Wirtschafts- und Finanzpolitik geißelt, setzt Minc zu einer pauschalen Rechtfertigung der "glücklichen Globalisierung" an - so der französische Titel des Buches.

Die Rezepte von Alain Minc sind so bekannt wie einfach: "Mehr Markt, Rückzug des Staates, Reform des Wohlfahrtsstaates, ... Übergang von der Konkurrenz zwischen Produkten und Unternehmen zur Konkurrenz zwischen sozioökonomischen Systemen und Zivilgesellschaften".

Das Buch enttäuscht auf der ganzen Linie wie das meiste, was zu diesem Thema auf dem Markt ist. Minc sagt nicht einmal, was "Globalisierung" überhaupt bedeutet und was diese vom ziemlich alten Welthandel oder der Internationalisierung der Wirtschafts- und Finanzverhältnisse unter der Vorherrschaft transnational agierender Großkonzerne unterscheidet. Völlig ungenügend ist die empirische Basis von Mincs Buch, das nur die Schlagworte aus Leitartikel-Thesen auf Buchlänge auswalzt.

"Nicht die Demokratie hat ,über alles' (deutsch im französischen Original!)

triumphiert, sondern der Markt." Die Folgen davon reflektiert und analysiert Minc nicht, sondern begrüßt das Ergebnis als glücklichen Beginn einer Rückkehr zum "Naturzustand". Nach der jahrzehntelang verpönten "vernünftigen Orthodoxie" herrschen jetzt wieder marktkonforme "Gravitationsgesetze". Diese betreffen die Wirtschafts- und Sozialpolitik, die sich allein an der Optimierung von fünf Kriterien auszurichten haben: an der Reduktion von Verschuldung, staatlichem Budgetdefizit und Inflationsrate, an der Steigerung wirtschaftlichen Wachstums und ganz zuletzt auch an der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Unter dem Diktat des "ehernen Gesetzes der Produktivität" muß sich staatliche Politik nach Minc von der Illusion verabschieden, sie könne nach den Prinzipien von Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität in die Verteilung eingreifen. Ebenso mißtraut Minc jedoch dem "König Markt", dessen Alleinherrschaft zwingend zu mehr "Ungleichheit" führe. Statt dessen plädiert er für einen "durch das Prinzip der Billigkeit und das allgemeine Interesse gezügelten Markt". Es bleibt jedoch unklar, wie Frankreich auf diesen "dritten Weg" gelangen sollte, denn Minc vertraut auf "kollektive Psychologie, den Augenblick, den Zufall und nichtpolitisches Wirken" und verurteilt die Staaten zu "makroökonomischer Ohnmacht". In dieser Perspektive wird auch plausibel, warum Minc "das Vertrauen" gleich mehrmals zum "wichtigsten Produktionsfaktor" erklärt, der "noch entscheidender ist als Kapital und Arbeit". Der Autor gibt sich gern radikal bis zur Narretei.