Dieses Buch ist eine Wohltat. Wer schon alle Biermannschen DDR-Entlarvungen kennt (inklusive der künftigen), wen auch nicht gelüstet nach Ost-Beturtelungsprosa, der lese "Die heile Welt der Diktatur". Die Empfehlung sei so deutlich ausgesprochen, weil der Autor sich bereits in der Innenklappe fast für sein Werk entschuldigt: "Ebenso wie der Karikaturist und der Humorist wählt der Historiker aus der Materialfülle die Beispiele aus, die ihm besonders typisch oder bedeutsam erscheinen. Denn dem Wesenskern der Dinge - so wie er ihn sieht - nähert er sich nicht durch den statistischen Mittelwert.

Ausgewogenheit und Proporz sind nicht das Ziel der Übung. Erst der Brennspiegel der Groteske verzerrt die Dinge zur Kenntlichkeit." Stefan Wolle fürchtete wohl, trotz eines Anmerkungsapparates von 595 Positionen könnte seinem Werk die wissenschaftliche Approbation verweigert werden. Der Leser tut das keineswegs, sondern freut sich, wie es hier gelungen ist, "die Lücke zwischen individueller, komplexer Lebenserfahrung und detailorientierter akademischer Forschung zu schließen".

Eine DDR-Geschichte als "kollektive Biographie ihrer Bewohner" wollte Wolle schreiben. Das klingt anmaßend, zumal dem Autor der halblaute Ruf vorausging, er neige zur nachträglichen Stilisierung seiner DDR-Widerständigkeit. Davon lesen wir nichts.

Wolle, Jahrgang 1950, war Geschichtsstudent an der Ostberliner Humboldt-Universität und wurde 1972 aus politischen Gründen relegiert. Er bewährte sich in der Produktion. Von 1976 bis zur Wende arbeitete er an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Nach der Wende saß er als Stasi-Auflöser am Runden Tisch, später in der Gauck-Behörde, und arbeitet heute am Hannah-Arendt-Institut der TU Dresden.

Als Insider des DDR-Wissenschaftsbetriebs kann Wolle einen der interessantesten Nachwende-Konflikte thematisieren: den Streit um das oppositionelle Erstgeburtsrecht zwischen den kirchennahen Menschenrechtsgruppen und den reformwilligen Kräften innerhalb des SED-Apparates. Falls man überhaupt voneinander Kenntnis hatte, schätzte man sich nach Kräften gering. Die Menschenrechtler warfen den Marxisten Opportunismus vor, diese ihnen Theoriedefizite. Heute ist der Streit durch die Vergabe von Bundesverdienstkreuzen entschieden. André Brie hat keins bekommen.

Am erstaunlichsten ist, wie es Wolle schafft, die Strukturen der DDR gleichzeitig als penible Chronik und als Erzählung auszubreiten. Die "radikale Subjektivität", die der Umschlagtext dem wissenschaftlichen Anspruch hinzufügt, hat den Autor nur insofern getrieben, als er die Selbsterfahrungen der DDRler und die Fakten ihrer Lebenswelt als Einheit begreift. In der Erinnerung dominieren Gefühle. Die Fakten sind oft schon ineinandergesackt und zur finalen Pointe verbacken: Es mußte ja so kommen, wie es der 9. November 1989, der 3. Oktober 1990 bewiesen hat. - Sosehr das Post festum stimmt, sowenig entspricht dieser faktische Ausgang der DDR-Geschichte Ostdeutschlands biographischen Wirklichkeiten, die nur als gelebte Zeit existieren, also gar nicht objektiv. Dieser vermeintliche Gegensatz polarisiert die gesamte Aufarbeitungsdebatte. Die Objektiven zerschmettern unermüdlich das System, die Subjektiven retten unablässig die Biographien, und beide Fraktionen leben gut voneinander.

Wolle fügt Herrschafts- und Gesellschaftsgeschichte in eins. "Die heile Welt der Diktatur" ist ein Buch, das bei den unterschiedlichsten DDR-Entsprungenen Zustimmung finden sollte. Die Subjektivität verbleibt in ihren Rechten bis hin zum persönlichen Widerstandsgefühl des Opportunisten, der sich freilich sagen lassen muß, daß gerade der millionenfache Rückzug in die wohlgehütete Privatmoral den SED-Staat gewähren ließ. "Die totalitäre Macht bedarf der Zustimmung der Massen nämlich nicht wirklich, sondern gibt sich mit dem propagandistischen Schein vollkommen zufrieden. Sie produziert ihre Legitimität durch Masseninszenierung, Terror und Ideologie selbst. Die totalitären Systeme kennen nur ein Prinzip: das Recht des Stärkeren."