Als die Tour de France auf den Champs-Elysées ausrollte, war das Gelbe Trikot immer noch gelb. Der Stofflöwe und die rote Trinkflasche der Hauptsponsoren waren da, wie sie nach den bestehenden Verträgen und dem dieser Tage erklärten Willen der Geschäftspartner der Société du Tour de France noch im nächsten Jahrtausend dasein werden. Nach drei Wochen, 3800 Kilometern und einem Abgrund, aus dessen auch jetzt noch unausgemessener Tiefe vielleicht einmal die Zukunft der Tour ans Licht kommen wird, rollte das vorherberechnete Ritual von Reklame und Heldenverehrung ab.

Die Tour feierte ihren großen Sieger Marco Pantani, zollte dem großen Unterlegenen Jan Ullrich Respekt, freute sich über die große Entdeckung Bobby Julich aus Amerika. Groß ist die Tour. Nur sie schafft Dramen, wie jenes an dem eisigen Regentag, als Pantani den Galibier-Paß stürmte und Jan Ullrich die Leiden seines Rennfahrerberufes auskosten mußte: die Ohnmacht des Willens vor dem total erschöpften Körper. Wenn wir an einem solchen Tage fassungslos Willenskraft und Durchhaltevermögen der Radrennfahrer bei einer schier unmenschlichen Strapaze erleben, können uns sämtliche Apotheken der Welt gestohlen bleiben.

Marco Pantani oder Jan Ullrich sind niemals bei einer Dopingkontrolle aufgefallen. Also haben wir fairerweise davon auszugehen, daß sie ihre Leistungen chemisch clean und nach den Moralvorstellungen ihres Publikums sauber vollbracht haben. Alex Zülle, ihr Schweizer Konkurrent, der vielleicht in ihren Kampf hätte eingreifen können, wurde als Mitglied des Festina-Teams ausgeschlossen. Auch Zülle wurde bei Dopingkontrollen niemals positiv getestet, gab unter dem Druck der polizeilichen Vernehmungen jedoch zu, daß er seit zwei Jahren seinen Kräften chemisch nachhelfe. Also können wir vernünftigerweise nicht an die ausreichende Wirksamkeit von Dopingkontrollen glauben.

Kontrollen sind ein Risiko, kein Hindernis

Im Grunde ist das nur die Bestätigung dessen, was wir längst wissen, aus unserem Bewußtsein jedoch stets verdrängen: Dopingkontrollen stellen für den Athleten ein Risiko dar, aber letztlich kein Hindernis. Und damit sind wir bei der Zukunft der Tour de France.

Nichts werde für die Tour mehr wie vorher sein, erklärte Tourdirektor Jean-Marie Leblanc. Doch was kann sich ändern? Der dreifache Ski-Olympiasieger Jean-Claude Killy sprach in diesen Krisentagen "vom unzerstörbaren Mythos der Tour" und warb für Fahrer, die zu leistungssteigernden Mitteln greifen, um Verständnis. Wer will sich dem verschließen, wenn er das Anforderungsprofil des Berufs Radrennfahrer betrachtet und für einen Moment den idealistischen Überbau des Sports ad acta legt?

Als Präsident der Société du Tour de France ist Killy selbst einem Unternehmen verpflichtet, das Hunderte von Millionen umsetzt, weit in mechanische, mediale und andere Industriezweige hineinwirkt und dort noch mehr Geld in Bewegung setzt. Als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees steht er jedoch auch für Ideale, nach denen Doping zu ächten ist. In diesem inneren Zwiespalt des ehemaligen Skihelden spiegelt sich das Dilemma des Hochleistungssports