Ein amerikanischer Freund zu Besuch in Bonn: Daß jemand wie Otto Schily, einst Verteidiger von RAF-Terroristen, heute Innenminister in einem Kabinett Schröder werden könnte, halte er wirklich für eine große demokratische Leistung. Leider, sagt er, könne er sich eine solche Karriere in seinem Land nicht vorstellen.

Die Respektbekundung noch frisch im Ohr, blättert man im Spiegel. Joschka Fischer muß sich in einem Interview wegen seiner Frankfurter Sponti-Vergangenheit verteidigen, und er macht das so offen wie überzeugend.

Es wurde eben manchmal "sehr wild geredet", erinnert Fischer sich. Auch an die Regeln des Strafgesetzbuches habe man sich nicht gehalten. "Aber von dieser Phase revolutionärer Politik haben wir uns abgewandt", fährt Fischer fort, "weil wir erkannt hatten, daß sie letztendlich in den Terrorismus führt."

Wie Schily hat Fischer Aussicht, einem Kabinett Schröder anzugehören, wenn es zu einer rotgrünen Koalition käme. Auch die CDU hat dem Grünen Fischer im Laufe der Jahre oft Respekt gezollt. Heiner Geißler stellte ein Buch von ihm vor. Wolfgang Schäuble hat eine Koalition mit ihm irgendwann einmal für denkbar gehalten. Helmut Kohl hat öfter mit ihm vertraulich geplauscht und den Parlamentsredner Fischer überaus ernst genommen. Wahlkampf ist, wenn das alles nicht mehr gilt. Jetzt erinnert die CDU in Plakaten an die Vergangenheit des "Straßenkämpfers", der Außenminister werden wolle, und stellt Verbindungen zwischen ihm und Leuten her, die im Jahr 1981 an der Ermordung Heinz-Herbert Karrys beteiligt gewesen seien. Einige Zeitungen, die Fischer im Laufe der Jahre gleichfalls jedes Amt zutrauten, spielen mit: Einst wollte er Molotowcocktails werfen, jetzt möchte er Außenminister werden! Alles wird aufgebrüht. Von irgendwelchen Parteimenschen im Hintergrund und von Journalisten - das heißt dann Wahlkampf. Herbert Wehners Person und Fall läßt sich zwar damit nicht ganz vergleichen. In einer Hinsicht aber schon: Auch ihm wurden im Laufe der Jahre tausenderlei Respektbekundungen zuteil, und mit dem Lob für ihn, den ehemaligen Kommunisten, lobte man zugleich sich selbst und die tolerante Demokratie. Bis der Wahlkampf sich näherte. Dann war er wieder der Altmeister der fünften Kolonne.

Hoffentlich behält der amerikanische Freund wirklich recht mit seinem Lob, die erstaunlichen Karrieren hierzulande seien ein Gütesiegel auf die liberale Demokratie.