Ein Unheil kommt selten allein: Die Fluten des Jangtse bedrohen mehr als hundert Millionen Chinesen - und gleichzeitig gerät ein Projekt in die Bredouille, das nach offizieller chinesischer Lesart langfristig zur wirksamsten Maßnahme gegen das Hochwasser werden sollte. Die Gesellschaft für den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms am Jangtse meldet ernste Finanzierungsengpässe. Das Vorhaben, das nach Pekinger Regierungsangaben 24 Milliarden Dollar kostet, wird nicht nur der Stromproduktion dienen. Vor allem soll es vor den gefürchteten und chronischen Flutwellen von Chinas längstem Fluß schützen.

Nun überlegen die Chinesen, durch den Verkauf von Aktien an den Börsen von Hongkong und New York einen Teil des Kapitals für das umstrittene Mammutbauwerk zu besorgen, dem mehr als eine Million Menschen weichen müssen.

Sie wollen erreichen, was ihnen eine chinesische Weisheit nahelegt: "Wer das Wasser beherrscht, beherrscht auch China." So gesehen, versinkt China derzeit im Chaos. Die schmutzige Brühe des Jangtse steht vielen Chinesen buchstäblich bis zum Hals. Am Jangtse wüten die schlimmsten Fluten seit 44 Jahren - eine nationale Katastrophe.

Der Grund dafür klingt banal: besonders heftige Regenfälle, nach Auffassung von Klimaforschern ein Effekt des El-Niño-Wetterphänomens. Die Sintflut kam nicht überraschend

Meteorologen hatten sie vorausgesagt. Doch sie hat den Pegel des Jangste derart anschwellen lassen, daß nun rund ein Zehntel des 1,2-Milliarden-Volkes bedroht ist. Weit mehr als tausend Menschen ertranken bereits, drei Millionen Häuser wurden zerstört, fast eine Million Menschen verloren ihr Obdach. Der Notstand mußte ausgerufen werden, die Seuchengefahr wächst.

Während mehrere Millionen Helfer meist mit bloßen Händen versuchen, die Deiche zu sichern, wird der ökonomische Schaden schon jetzt auf zwanzig Milliarden Mark beziffert. Allein die Ernteverluste belaufen sich nach Angaben der chinesischen Regierung auf elf Millionen Tonnen Getreide. Weil der Reis nicht mehr rechtzeitig gepflanzt werden kann, drohen Hungersnöte.

Sicher ist schon jetzt: Die Wirtschaftsaussichten, die durch die Asienkrise ohnehin gedämpft sind, werden noch bescheidener ausfallen. Allein für das erste Halbjahr 1998 rechnen die Behörden mit Wachstumseinbußen von 0,4 Prozentpunkten. In China wiegt das noch schwerer als anderswo. Nur kräftiges Wachstum bietet dem Millionenheer der Arbeitslosen Aussicht auf neue Jobs und kann die sozialen Spannungen lindern.