Hanns-Jürgen Weigel, Chef der Alten Leipziger Versicherungsgruppe, ist ein besonnener Mann. Doch wenn seine Gesprächspartner auf das Thema "Altersvorsorge-Sondervermögen" zu sprechen kommen, beginnt Weigel zu schimpfen: "Das ist Etikettenschwindel und hat mit Altersvorsorge nicht das geringste zu tun." Mit seiner Meinung steht der Manager nicht allein. Auch andere Versicherungsvorstände ärgert das neue Wortungetüm.

Dahinter verbirgt sich eine neue Fondsgeneration, die das dritte Finanzmarktförderungsgesetz seit April speziell für die Altersvorsorge erlaubt. Für Rolf Passow, Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Investmentgesellschaften (BVI), ist die Entscheidung der Gesetzgeber eine Kehrtwende in der Geschichte des Investmentsparens: "Erstmals können wir den Kunden eine Geldanlage mit hoher Sicherheit über einen längeren Zeitraum und gleichzeitig mit guter Rendite anbieten", wirbt der umtriebige Passow.

Unter der Abkürzung AS-Fonds sollen in den kommenden Wochen etwa 76 neue Investmentfonds auf den Markt kommen. Zwar werden Details über einzelne Angebote der verschiedenen Kapitalanlagegesellschaften noch unter Verschluß gehalten. Klar sind jedoch die Rahmenbedingungen. Erstens: Die neue Fondsgeneration wird höchstens 75 Prozent, aber mindestens 21 Prozent Aktien enthalten. Und die Fondsmanager dürfen bis zu 30 Prozent Immobilienanteile einkaufen. Zweitens: Die Fonds werden unter anderem im Rahmen eines Sparplans verkauft, in den der Kunde mindestens achtzehn Jahre lang oder bis zu seinem sechzigsten Lebensjahr einzahlt. Drittens: Wer sein Geld dringend braucht, kann den Sparplan mit einer dreimonatigen Frist kündigen. Arbeitslosigkeit verkürzt diese Wartezeit auf einen Monat. Und viertens: Nach drei Vierteln der Laufzeit läßt sich das Fondsvermögen kostenlos umschichten. Vorher wird der bei Investmentfonds übliche Ausgabeaufschlag fällig. Die Sicherheit dieser Geldanlage sei höchst fraglich, stemmen sich die Lebensversicherer gegen die neue, höchst ungeliebte Konkurrenz. Es dürfe schließlich nicht von der Börsenlage abhängen, wieviel Geld beim Start in den Ruhestand vorhanden sei, lautet ein Argument. In den Augen der Assekuranz-Repräsentanten bieten die AS-Fonds dem Kunden zudem weder etwas Neues noch die garantierte Leistung, die ein entscheidender Vorteil der Lebensversicherung sei.

Tatsächlich gibt es längst gemischte Fonds, die ihren Aktien- und Rentenanteil flexibel gewichten dürfen. Diese marktüblichen Offerten haben sogar Vorteile gegenüber den neuen Fonds. In schlechten Börsenzeiten kann der festverzinsliche Anteil durchaus mehr als 49 Prozent betragen.

Standardisierte Sparpläne für die Altersvorsorge offerieren die Investmentgesellschaften auch schon seit längerem, der zur Deutschen Bank gehörende Marktführer DWS beispielsweise unter der Bezeichnung "Investmentrente". Bei diesem Angebot lassen sich die Spargroschen je nach Situation an den Aktienmärkten gegen Ende der Laufzeit Schritt für Schritt in festverzinsliche Papiere umschichten. Auch bei der Bank 24, der zur Deutschen Bank gehörenden Direktbank, kann sich der Kunde inzwischen einen Fondssparplan mit regelmäßigen Einzahlungen zulegen.

Verständlich wird die Angst der Versicherungsbranche um ihre Pfründen daher erst vor einem anderen Hintergrund. Die anhaltende Niedrigzinsphase macht es den Lebensversicherern immer schwerer, die gewohnten Nettorenditen für die Kundschaft zu erwirtschaften. Hintergrund: Die Assekuranzen setzen auch heute noch überwiegend auf Festzinsanlagen (siehe Graphik). "Derzeit ist es nicht gerade vorteilhaft, in Nominalwerten zu investieren", mahnt der oberste staatliche Aufseher der Branche, Helmut Müller. Nur 17,5 Prozent ihrer Kapitalanlagen (insgesamt 822,4 Milliarden Mark) haben die deutschen Lebensversicherer in Aktien, Investmentanteilen und nicht festverzinslichen Wertpapieren angelegt, fast 70 Prozent dagegen in festverzinslichen Papieren.

In den Hochzinsphasen der Vergangenheit konnten die Lebensversicherer damit ansehnliche Erträge für ihre Kunden erwirtschaften, teilweise mehr als sieben Prozent. Diese goldenen Zeiten sind jedoch vorbei. Seit drei Jahren befindet sich die durchschnittliche Rendite der börsennotierten Bundeswertpapiere auf Talfahrt. Viele Lebensversicherer zehren schon von ihren Polstern aus besseren Zeiten. Dennoch mußten einige Gesellschaften die Gewinnbeteiligung für ihre Kunden bereits im vergangenen Jahr zurückschrauben. Einzelne Anbieter waren sogar gezwungen, stille Reserven zu realisieren, um im beinharten Wettbewerb eine ansehnliche Verzinsung vorweisen zu können. Ob dies auf Dauer gutgehen kann, ist höchst fraglich.