Am Anfang ist Angst. "Meine Mutter und meine Schwester haben Krebs. Bin ich auch gefährdet?" "Ich habe Brustkrebs, wie hoch ist das Risiko für meine Tochter?" "Soll ich mein Krebsrisiko testen lassen?" Seit vier Jahren werden Frauenärzte mit solchen Fragen bestürmt. Denn seither läßt sich testen, ob jemand eine Veranlagung für Brustkrebs im Erbgut trägt.

Jährlich erkranken 43 000 Frauen in Deutschland an Brustkrebs. In 2000 Fällen wäre er mit einem Test vorhersehbar gewesen. Doch was kommt nach der Diagnose? Hilft es den Frauen zu wissen, daß sie einen lebensbedrohlichen Defekt in sich tragen, und wie gehen sie mit diesem Wissen um? Was können Ärzte für sie tun? Genaue Antworten auf diese Fragen gibt es noch nicht. Aber sie werden gesucht. Finanziert von der Deutschen Krebshilfe, widmen sich elf Zentren in der Bundesrepublik dem "familiären Brustkrebs". Wenn die Frauen Glück haben, überweist sie ihr Arzt in eines dieser Zentren. Denn dort werden sie kompetent genetisch beraten, intensiv psychologisch betreut und - falls nötig - klinisch behandelt.

Im Vordergrund steht die Beratung - und die Beruhigung. "Die meisten Frauen wenden sich an uns, weil sie die Bestätigung haben wollen, daß sie sich keine Sorgen machen müssen", sagt Ursula Froster, Direktorin des Instituts für Humangenetik in Leipzig, das sich jüngst dem Forschungsverbund angeschlossen hat. Viele Anfragen erledigen sich schon am Telephon. "Die häufigste Information lautet, daß wir kein Screening, also keine systematische Suche nach Brustkrebsgenen in der Bevölkerung betreiben", sagt Froster. Erhärtet sich jedoch der Verdacht einer familiären Häufung von Brustkrebs, dann wird die Anruferin zum Gespräch eingeladen.

Das Recht auf Nichtwissen muß respektiert werden Sind in der engeren Verwandtschaft Frauen früh an Brustkrebs erkrankt, gibt es zusätzliche Fälle von Eierstock- oder Darmkrebs, ist gar bei Männern Brustkrebs diagnostiziert worden? Dann könnten Veränderungen der Gene BRCA1 oder BRCA2 (BRCA steht für breast cancer) für die Erkrankungen verantwortlich sein.

Die junge Frau, die in der humangenetischen Beratung erscheint, ist 26 Jahre alt. Sie ist gesund, ebenso ihre Mutter. Aber drei ihrer Tanten sind an Brustkrebs erkrankt, eine hat zudem Unterleibskrebs, eine weitere Tante ist mit vierzig Jahren an Nierenkrebs gestorben (siehe Graphik nächste Seite).

Der Humangenetiker malt den Stammbaum auf. Die junge Frau schluckt. Ihr wird schlagartig klar, daß ein Gentest nicht nur Auswirkungen für sie selbst hat, sondern auch für ihre Mutter, Nichten und Neffen. Sollte sie Trägerin eines veränderten Gens sein - muß sie dann auch ihre Verwandten warnen? Und was ist mit ihrem Wunsch, Kinder zu haben? Denn mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent gibt sie den Erbdefekt an ihre Kinder weiter. "Den meisten Frauen wird erst in der Beratung klar, welche Konsequenzen der Gentest für sie und andere hat", sagt Froster.

Die junge Frau teilt nach mehrwöchiger Bedenkzeit schließlich der Klinik mit: "Ich möchte den Gentest nicht machen lassen."