Gesamteuropäische Neuigkeiten. Es gibt jetzt eine Inter-Rail-Karte für Menschen jenseits des Studentenalters, mit der man für 912 Mark einen Monat lang von Irland im Westen bis an die Grenzen der ehemaligen Sowjetunion im Osten Bahn fahren kann. Im Frühjahr feierte die Reiseagentur Thomas Cook das 125jährige Jubiläum ihres allmonatlich veröffentlichten "Fahrplans für Zug- und Fährverbindungen in ganz Europa".

Was muß man noch vorausschicken? Ach ja. Für manche Politiker ist die fortschreitende Einigung Europas eine Frage von Krieg und Frieden. Es gibt dafür den berühmten Vergleich mit dem Fahrrad. Wenn man aufhöre, sich vorwärts zu bewegen, falle das Rad um. Eine fortschreitende Einigung setze ein neues Wir-Gefühl voraus, heißt es. Eine europäische Identität.

Gewappnet mit diesem Grundwissen und ausgerüstet mit Inter-Rail-Karte und Cook's European Timetable, wollen wir uns auf die Suche nach der europäischen Identität machen. 11 425 Bahnkilometer und 5 Schiffsfahrten auf der Suche nach einer europäischen "Wesenseinheit", wie ein Wörterbuch den Begriff verdeutscht. Von Faro in der Südwestecke des Dreiecks, das der Kontinent auf der Landkarte bildet, in den hohen Norden Finnlands und von dort jenseits der zukünftigen Ostflanke der EU entlang hinunter in den Südosten. Bis nach Kreta, wo - zumindest dem Mythos zufolge - alles begann, als Zeus die phönizische Prinzessin Europa auf die Insel entführte und dreimal schwängerte.

Faro, der Ausgangspunkt, ist regional entwickeltes Gleichschaltungseuropa schlechthin. Im Hafen liegen Dutzende neue, aus Glasfaser gefertigte Fischerkähne mit japanischen Außenbordmotoren. Auf einem großen Schild erfährt man, wie viele Escudos die EU in die Modernisierung der Hafenanlagen gesteckt hat. Im Frühstückssaal des Hotels "Eva" steht: Thank you for not smoking. Die Joghurtbecher sind vorschriftsmäßig mit nutzlosen Informationen bedruckt, 87,5 Kalorien (370 Kj), 4,5 Gramm Protein, 14 mg Glukose und 160 mg Kalzium. Der Kellner heißt Herr Diaz. Ich frage ihn, ob er Europäer sei. Er sieht mich verwirrt an.

"Ich meine, fühlen Sie sich eher als Portugiese oder als Europäer?" -

"Portugiese? Europäer?" erwidert er und zuckt mit den Schultern. "All the same!"

Knossos, das antike Ziel der Reise, gibt keine Geheimnisse über die Wesenseinheit des Kontinents preis. Ein heilloses Durcheinander alter Ausgrabungsmauern und neuer Stützmauern, imitierter Gipspfeiler, nachgemachter Wandmalereien, rissiger Stahlbetondecken und im Wind schlagender Wellplastikdächer. Mürrische Führer, ausgelaugt von der immer gleichen Routine, steuern mehrheitlich desinteressierte und fettleibige deutsche Touristen durch das unübersichtliche Labyrinth. Europa kommt in ihren Ausführungen nicht vor. "Ein Kreter", erklärt mir eine in der Nähe lebende Bekannte, "ist zuerst ein Kreter, dann ein Grieche und Europäer nur, wenn es um Subventionen für die Olivenernte geht."