Daß Computern Intelligenz zugesprochen wird, daran hat man sich schon gewöhnt. Nun lernen auch profanere Bauteile das Mitdenken: Flugzeugflügel zum Beispiel sollen ihre Form automatisch auf den Flugzustand abstimmen, Parabolantennen Verformung durch Wärme selbsttätig korrigieren und Tragbahren Erschütterungen wegschlucken.

Adaptronik - die Technik von Materialien, die sich ihrer Umgebung anpassen - heißt das Zauberwort. Ihr ist eines von fünf neuen Leitprojekten des Bundesforschungsministers gewidmet, mit denen Jürgen Rüttgers Deutschland "auf dem Weg zum High-Tech-Land" wähnt. Für fünfzig Millionen Mark soll unter Federführung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) fünf Jahre lang geforscht werden. Die vierzehn beteiligten Unternehmen aus der Privatwirtschaft versprechen sich und dem Ministerium davon insgesamt 25000 neue Arbeitsplätze im Lauf der kommenden zehn Jahre.

Nächstes Jahr soll ein Auto Serienreife erlangen, bei dem smart structures Vibrationen des Rahmens schlucken. "Mit Adaptronik wird die Automobilindustrie in vier Jahren in jedem Prospekt werben, so wie sie es heute mit ABS oder Airbag tut", prophezeit Hans Selka, der vor wenigen Monaten auf Deutschlands ersten und einzigen Lehrstuhl für Adaptronik an der Universität Magdeburg berufen wurde.

Gefragt ist die neue Technik immer dann, wenn es gilt, Schwingungen zu dämpfen - sei es bei den Walzstraßen der Stahlindustrie, Eisenbahnrädern, Stromabnehmern des ICE, der Aufhängung der Nutzlast während Raketenstarts oder Magnetresonanztomographen. "Hier soll das unerträglich laute Brüllen der Geräte unterdrückt werden", erklärt Elmar Breitbach von der DLR, der deutsche Nestor der Adaptronik. Der Ingenieur, der früher in den USA bei der Nasa arbeitete, hat die Ideen und Konzepte über den Teich gebracht.

In seinen Labors am Braunschweiger Institut für Strukturmechanik demonstriert Breitbach in einem Versuch aktiven Schallschutz: Zwischen einem pfeifenden Lautsprecher und einem Mikrophon, über das die Geräusche aufgenommen werden, steht eine Wand, die mit piezoelektrischer Keramik gespickt ist. Ein Mikrochip dirigiert die Piezoelektrika so, daß sie den Schallwellen entgegenwirken. Neben dem Mikrophon liefern ihm Sensoren auf der Wand die nötigen Daten, um die Gegensteuerung zu berechnen. In der Tat ist auf der Aufnahme kaum noch etwas zu hören. Die Wand schluckt den Lärm.

"Das klassische Mittel gegen Schall ist Masse", sagt Selka und verweist auf die Hellhörigkeit von Häusern, die in Leichtbauweise errichtet wurden. Für Autos oder Flugzeuge, bei denen jedes Kilogramm Gewicht zählt, eignet sich die Schalldämpfung durch Massenzunahme indes wenig. Ein paar Piezoelektrika in Flugzeughaut oder Spritzwand zwischen Motor und Fahrgastzelle könnten für Ruhe sorgen, ohne überflüssige Pfunde auf die Waage zu bringen.

Die Luftfahrtindustrie investierte in den vergangenen Jahren bereits mehrere zehn Millionen Mark in die Adaptronik. In Braunschweig sind die Ergebnisse zu bewundern: Das Gestänge, mit dem normalerweise ein Propeller am Flugzeugflügel fixiert ist, vibriert heftig. Elmar Breitbach drückt einen Knopf. Kurz darauf ist keine Schwingung mehr zu bemerken. In eine der Stangen ist ein wenige Zentimeter hoher Zylinder eingebaut, der aus vielen übereinandergelegten Schichten piezoelektrischer Folien besteht. Ein Beschleunigungssensor am Gestänge mißt dessen Bewegung. Aus seinen Daten ermittelt ein Chip das Gegenmuster: Die Piezoelektrika verändern die Länge der Stange so, daß die Schwingung niedergehalten wird. Eine solche "intelligente" Propelleraufhängung könnte das Flugzeug vor Vibrationen, die das Material belasten, schützen - und die Passagiere vor Lärm.