Im Südsudan wütet der Hungertod. Eritrea und Äthiopien brechen einen Grenzkrieg vom Zaun. Aus Sierra Leone werden Massaker gemeldet. In Guinea-Bissau meutern Soldaten. Nigeria steht am Rande des Abgrunds. Angola rüstet wieder zum Bürgerkrieg. Im Kongo ist eine Militärrebellion gegen Präsident Kabila ausgebrochen. Die jüngsten Schreckensberichte kommen aus Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania): Dort wurden bei Bombenanschlägen gegen die amerikanischen Botschaften mehr als 200 Menschen getötet und Tausende schwer verletzt. Afrika, im Sommer 1998.

Wie kann man von Wiedergeburt schwadronieren, wenn ganze Staaten absterben? Wo sind die aufblühenden Landschaften? Wollen die Herren Präsidenten die Fakten leugnen? Seit der Gründung ihres Debattierclubs OAU vor 35 Jahren sind grob geschätzt zwanzig Millionen Afrikaner in Bürgerkriegen umgekommen. Fünfzig Millionen Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben; Jahr für Jahr sterben bis zu drei Millionen an Malaria. Afrika stellt zehn Prozent der Weltbevölkerung und erwirtschaftet 2,4 Prozent des Weltsozialprodukts. Auf dem Schwarzen Erdteil liegen 33 der 50 ärmsten Länder. Das Gerede von der Renaissance klingt wie das furchtsame Pfeifen in einer großen, dunklen Ruine.

Wer in diesen turbulenten Tagen durch Afrika reist und bei westlichen Botschaften anklopft, bekommt oft dieselbe Frage zu hören: Haben Sie Keith Richburg gelesen? Da steht alles drin. Afrika, befand der Korrespondent aus Washington, das sind lauter kleine Somalias. Er frischt sämtliche Stereotype auf: Stammeskriege, Hungerkinder, Flüchtlingsheere, Massenelend. Aber kann man es oberflächlichen Beobachtern verdenken, wenn sie den Kontinent abschreiben? Die traurigen Bilder, die uns in diesen Tagen aus allen Winkeln des Erdteils erreichen, sind allemal stärker als der Silberstreif, der in manchem seiner Staaten aufscheint. In den Augen der Weltöffentlichkeit bleibt Afrika ein hoffnungsloser Fall.

Wenig ist zu spüren vom frischen Wind, der im Frühjahr durch die Länder südlich der Sahara wehte. Seinerzeit hörte man sogar Bill Clinton die African Renaissance preisen. Es war der erste Besuch eines US-Präsidenten seit zwanzig Jahren. Die Amerikaner hatten Afrika wiederentdeckt, und es sah so aus, als würden sie sich mit den Franzosen einen Wettlauf um seine brachliegenden Ressourcen und unberührten Märkte liefern. Afrika war wieder wer. Vorigen Freitag, nach dem Doppelanschlag in Ostafrika, trat ein betrübter Clinton vor die Weltpresse. Die "schwarze Renaissance" schien nur noch ein ferner Traum zu sein.

Uns Journalisten geht es da nicht anders. Unlängst beobachteten wir noch staunend eine Investorenkonferenz an der Elfenbeinküste. Wir sahen die rostigen Turbinen am Staudamm von Cahora Bassa anlaufen. Wir schrieben über den Ölboom an der Atlantikküste, das kleine Wirtschaftswunder in Uganda, die Börsenrekorde in Simbabwe. Und wir hätten eingefleischten Afropessimisten einen Spaziergang durch die "Telkom 98" gewünscht, eine Messe in Johannesburg, auf der alle Global Players der Branche vertreten waren. Afrika, ein potentieller Markt mit 650 Millionen Verbrauchern, geht ans Telephonnetz. Die Werbetafeln zeigten Massai-Krieger mit Speer und Handy und Leoparden, die unter Satellitenschüsseln durchflitzen. An manchem Messestand lag die jüngste Studie der Weltbank aus, und darin waren ermutigende Dinge zu lesen: Schwarzafrika, hieß es, sei in der besten Verfassung seit einer Generation. Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum betrage vier Prozent per annum und übersteige das Bevölkerungswachstum von 2,8 Prozent. Uganda und Botswana schmücken sich mit dem Titel "afrikanische Löwen"; sie legen in einem Tempo zu, das man nur den Tigerstaaten Asiens zugetraut hat. Die Angolaner könnten bald in die Liga der Ölscheichs aufrücken. Der Kongo lockt mit gewaltigen Bodenschätzen. Das ewige Klischee vom verlorenen Erdteil schien obsolet geworden.

Der strategische Bedeutungsverlust Afrikas nach dem Ende des Kalten Krieges; die Welle der Demokratisierung, die Anfang der neunziger Jahre einsetzte; die reduzierte Entwicklungshilfe aus dem reichen Norden, der mit eigenen Problemen beschäftigt ist; der wachsende Globalisierungsdruck - all diese Faktoren veränderten das kontinentale Binnenklima. Afrika befinde sich im radikalsten Umbruch seit dem Ende der Kolonialepoche, urteilten die Experten. Plötzlich herrschte eine Aufbruchstimmung, die nicht mehr zu den Untergangsszenarios passen wollte.

Es ist kein Zufall, daß die Vision von der kontinentalen Erneuerung am Kap geboren wurde, wo nach der Abschaffung der Apartheid ein neues, ein demokratisches Zeitalter begonnen hatte. Vizepräsident Thabo Mbeki, der designierte Nachfolger Mandelas, sprach vor drei Jahren erstmals von der African Renaissance. Er ist einer jener ideologiefernen, ökonomisch geschulten Pragmatiker der jüngeren Generation, die die Gründerväter allmählich ablösen. Zur Garde der "jungen Prinzen" zählt auch Ugandas Präsident Yoweri Museveni, der den Beinamen "schwarzer Bismarck" trägt. Bis zum Ausbruch ihres Bruderkrieges wurden auch die Präsidenten Äthiopiens und Eritreas als Hoffnungsträger gehandelt, und, mit Abstrichen, Paul Kagame, der starke Mann in Ruanda.