Sicherheit kommt nach Wirtschaftlichkeit. Nach diesem Motto hat die britische Regierung in der Vergangenheit stets gehandelt, wenn es um den Rinderwahnsinn und seine Folgen für den Menschen ging. Daran hat sich auch bis heute nicht viel geändert. Entsprechend lange hat es gedauert, bis sich London zu dem Beschluß durchringen konnte, daß künftig aus allen Blutspenden die weißen Blutkörperchen entfernt werden sollen.

Mit dieser Maßnahme wollen die Briten das Risiko verringern, daß Menschen durch Blut mit der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) angesteckt werden. Doch die Entscheidung kommt spät, vielleicht zu spät. Denn die Epidemie, die sie verhindern soll, ist möglicherweise längst im Gange.

Die Parallelen zum Aids-Skandal der achtziger Jahre sind unübersehbar: Auch damals dauerte es lange, bis der neue Erreger endlich dingfest gemacht werden konnte. Selbst als längst bewiesen war, daß das Aids-Virus über Blut und Gerinnungspräparate übertragen wird, blieben die Verantwortlichen untätig. Sie hatten die Epidemie vor Augen - und unternahmen nichts. Tausende von Menschen, darunter viele Bluter, infizierten sich mit der unheilbaren Immunschwäche.

Wie beim Aids-Skandal wären vor allem Bluter die Opfer

Die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die vermutlich durch denselben Erreger ausgelöst wird wie der Wahnsinn beim Rind, verläuft ausnahmslos tödlich. Die schwammartige Zersetzung des Gehirns läßt sich durch keine Therapie aufhalten. Würde die Krankheit tatsächlich durch Blut übertragen, wären die Folgen katastrophal. Wieder würden die Bluter zu den Hauptbetroffenen zählen. Doch weder ist die Übertragung auf dem Blutweg hinreichend bewiesen, noch hat sich die heimtückische Erkrankung sichtbar verbreitet.

Und doch hat es nach Ansicht vieler zu lange gedauert, bis sich die britische Regierung zum Handeln entschloß. Wer es mit der Vorsorge ernst nimmt, wartet nicht, bis die Wissenschaft letzte Zweifel ausgeräumt hat, meinen die Kritiker.

Besonders verärgert über die Untätigkeit der Politiker sind die britischen Bluter-Zentren. "Schade, daß sie so lange dafür gebraucht haben", wird Christopher Ludlam, Vorsitzender des britischen Dachverbands der Bluter-Zentren, in der englischen Presse zitiert. - "Die Entscheidung hätte vor Ewigkeiten getroffen werden sollen", meinte auch Paul Giangrande, Direktor des Oxforder Bluter-Zentrums. Vor Ewigkeiten heißt: im März 1996. Damals war nachgewiesen worden, daß Menschen an vCJK erkranken können, wenn sie das BSE-Protein mit der Nahrung aufnehmen.