Nie irrten sie öfter. Kaum hatten Analysten, Geldmanager und Banker in jüngster Zeit ihre Börsenprognosen veröffentlicht, da waren sie meist schon von der Realität überholt. Die Kurse explodierten so rasch, daß es selbst den Optimisten schwindelig wurde.

Diesmal war alles anders. Anfang des Monats ließ die renommierte Investmentbank Merrill Lynch Fondsmanager in ganz Europa befragen. Das Ergebnis: Die Stimmung der Börsianer war mies wie lange nicht mehr. Zu Recht. Seit Mitte dieser Woche scheint klar, daß die goldenen Zeiten vorbei sind. Binnen gut drei Wochen stürzte der Deutsche Aktienindex (Dax) um fast tausend Punkte ab. Der Dow-Jones-Index, das wichtigste Börsenbarometer der Welt, hat die zweistelligen Gewinne seit Anfang dieses Jahres zum großen Teil verloren. In Osteuropa stehen die Zeichen auf Sturm, auch in Moskau spitzte sich die Lage drastisch zu. Und der Nikkei-Index in Tokio taumelt in Richtung seines tiefsten Standes seit Beginn der neunziger Jahre.

Ganz Asien ist längst von der japanischen Malaise erfaßt. Ob in Singapur, Hongkong, Kuala Lumpur, Seoul oder Jakarta, allerorten stürzen die Aktienkurse ins Bodenlose. Aber nicht skrupellose Spekulanten setzen diesmal den einstigen Musterstaaten in Südostasien zu. Die Krise ist vielmehr hausgemacht: Mickrige Wachstumsraten, ein desolater Finanzsektor sowie rat- und mutlose Regierungen haben das Vertrauen in die ökonomische Kraft der Region erschüttert. Folge: schwache Währungen.

Ausnahmen bilden lediglich China und Hongkong - zumindest offiziell. Die kommunistischen Machthaber wollen die feste Bindung des Yuan und des Hongkong-Dollar an den amerikanischen Dollar mit allen Mitteln verteidigen, vor allem aus Prestigegründen. Doch der Preis ist hoch. Ein ruinös hohes Zinsniveau bremst das Wachstum, dringend benötigte Devisenreserven werden verpulvert.

Je schneller allerdings der Yen in den Keller fällt, desto teurer werden Produkte made in China. Irgendwann wird der Druck zu groß, weil die Exportwirtschaft des Riesenreiches dann einfach nicht mehr konkurrenzfähig ist. Ein billigerer Yuan ist allerdings für Chinas Nachbarn ein Alptraum. Eine asiatische Abwertungsspirale wäre die Folge.

Das bekämen auch die Vereinigten Staaten negativ zu spüren, die der Weltwirtschaft seit Anfang des Jahrzehnts immer neuen Schwung verliehen haben. Das Defizit in der amerikanischen Handelsbilanz wächst bereits. US-Ökonomen rechnen allein in diesem Jahr mit einem gigantischen Minus von 256 Milliarden Dollar. Im kalifornischen Long Beach, dem größten Hafen der Nation, kommen inzwischen so viele Waren aus Asien an, daß die Investoren neue Lagerhallen bauen. Die meisten Schiffe entladen - und fahren leer zurück, die asiatischen Krisenländer haben kein Geld für amerikanische Waren und Dienstleistungen. Die Konsumlust der US-Bürger - "Die Amerikaner spielen ihre Lieblingsrolle als Einkäufer der Welt" (Wall Street Journal) - mag einigen Exporteuren in den geplagten emerging markets helfen. Auf Dauer kann die Schnäppchenflut aus Übersee aber nicht gutgehen. Schon korrigieren Experten die Gewinnprognosen der amerikanischen Unternehmen zum Teil deutlich nach unten. Die Angst vor einem Ende der satten Jahre geht um. Auf einmal hören alle hin, wenn die Arbeitsproduktivität erstmals seit drei Jahren zurückgeht und die Zahl der privaten Bankrotte so hoch ist wie nie zuvor.

Ist das nur eine Atempause nach dem Superaufschwung oder der Anfang einer langen Krise? Noch streiten sich die Experten, doch die Zahl der Pessimisten nimmt zu. "Die Situation wird problematisch bleiben", erwartet Fred Bergsten, Chef des Institute for International Economics, einer angesehenen Denkfabrik in Washington. Skeptisch ist auch Nariman Behravesh, der das DRI-Prognoseinstitut der Ratingagentur Standard & Poor's leitet: "Jedesmal, wenn wir bei der Asienkrise glauben, ein Licht im Tunnel zu sehen, kommt in Wahrheit nur ein Zug auf uns zu."