In seinem Buch "The Sachertorte Algorithm" beschreibt der Informatiker John Shore, wie Mitte der sechziger Jahre die Informatikstudenten in einer Schlange vor dem Computerraum standen, ihre Lochkarten abgaben und lange durch die Glaswand starrten, hinter welcher der Computer und seine Operatoren sich abrackerten. Nach dem Durchlauf ihres Programmes erhielten die Studenten ihre Karten zurück, mitunter gab es auch einen Ausdruck, Listing genannt. Glaubt man Shore, so gab es damals kaum Versuche, fremde Programme zu kopieren. Die Lochkarten schützten den "Quellcode" - den Klartext, der bis in alle Einzelheiten regelt, was ein Programm eigentlich im Computer macht.

In dem Quellcode ist das geistige Eigentum an der jeweiligen Software begründet. Neben den eigentlichen Programmanweisungen enthält der Quellcode aber noch mehr. Schon Shore benutzte seine Lochkarten, um Liebesgedichte oder Kochrezepte zu dokumentieren. Programmierer fügen Kommentare in ihre Programmzeilen ein, damit Außenstehende sie verstehen können.

Gegen beide Einsichtnahmen hatte sich Microsoft mit allen Mitteln gesträubt, zuletzt gar mit dem Hinweis, daß im Windows-Quellcode nicht nur das Funktionieren des Programmes beschrieben wird, sondern Hinweise auf zukünftige Entwicklungen enthalten sind. Die sollen bis weit ins nächste Jahrtausend reichen und damit so wertvoll sein wie die Formel von Coca-Cola, behaupteten die Anwälte von Bill Gates bei ihrem letzten verzweifelten Versuch, die Einsichtnahme zu verhindern.

Weit zurück reicht hingegen die Klage gegen Windows 3.0, die Caldera von Novell und Novell wiederum von Digital Research geerbt hat. Diese Windows-Version, 1990 erschienen, stürzte immer dann ab, wenn DR DOS von Digital Research und nicht MS-DOS von Microsoft als Betriebssystem eingesetzt wurde. Seitdem geht der Streit der Parteien durch die Instanzen, und nur der Blick auf den Quellcode könnte wirklich letzte Gewißheit schaffen.

Die Ironie an der Geschichte: Ursprünglich hatte Caldera gar kein Interesse, den ererbten Rechtsstreit fortzusetzen. Eine symbolische Ablasszahlung von Microsoft sollte genügen - doch der Softwareriese war nicht einmal dazu bereit. Dann kam die Nachricht von Microsoft, daß Windows 98 die letzte Version ist, die DOS enthalten soll. Nun sieht Caldera für sich eine Chance, die Windows-Entwicklung zu beerben - mit einem eigenen Windows 99 gewissermaßen, das auf dem eigenen DOS fußen könnte. Daß dies profitabel ist, weiß man: Nachdem sich Microsoft vom DOS-Markt zurückgezogen hat, geht es Calderas eigenem Betriebssystem glänzend. In vielen Computerkassen der Supermärkte und Warenhäuser lebt es munter weiter, auch in einigen TV-Konsolen für das Surfen im Internet ist es eingebaut.

Wer immer nun in den Quellcode von Microsoft schaut und die Zukunft von Bill Gates lesen kann, wird daraus allerdings kaum Kapital schlagen können. Microsofts Rechtsanwälte setzten ein veritables Berufsverbot für die Gutachter durch, die nächste Woche ans Lesen gehen: Achtzehn Monate lang dürfen sie danach keine Tastatur "zum Zwecke des Programmierens" anrühren, und ein Jahr lang dürfen sie keine Stelle bei einem Konkurrenten annehmen.