Hamburg im Jahr 2008: Still und heimlich schließt die letzte Filiale des CD-Kaufhauses WOM - Ende des CD-Verkaufs in Deutschland. Bis auf wenige Sammler-Shops für Spezialisten, die noch bespielte Scheiben führen, gibt es von nun an nur noch die Regale im Supermarkt mit CD-Rohlingen - unbespielt. Daneben die sogenannten Musikkioske, Rechnerstationen, an denen man gegen Gebühr die Musik aus dem Netz herunterlädt, die man wirklich haben will: für die persönliche CD - falls es die herkömmliche CD dann überhaupt noch gibt, hat doch eine japanische High-Tech Firma schon 2006 ein Speichermedium auf den Markt gebracht, das auf halber Größe das Hundertfache an Daten aufnehmen kann.

Die Vision mag überzeichnet sein. Vielleicht gehen die Leute auch in zehn Jahren noch in die CD-Märkte und legen zwanzig Euro auf den Tisch für eine Scheibe mit 75 Minuten Musik ihres Lieblingsstars. Dann gibt es aber immer noch das Problem, daß von diesen 75 Minuten normalerweise höchstens 25 wirklich gut sind, daß die Kunden oft nur diese 25 Minuten hören wollen und auch von den wenigen guten nicht mindestens drei verschiedene Versionen: "Normal Radio Edit", "Extra Long Club Garage Mix", "Super Boosted Mono Broken Mixing Desk Edit" und wie sie alle heißen.

Vor allem Vertreter amerikanischer und englischer Firmen, die Musik übers Internet verkaufen, entwickelten prächtige Zukunftsvisionen. Daß Music on demand bis heute ein reines Zusatzgeschäft ist, störte dabei niemanden: Es ging darum, die Claims im Internet-Goldrausch abzustecken. Das Geldverdienen kommt später.

Der Flirt zwischen Musikbusineß und Online-Welt überrascht. Bisher hatte sich gerade die Musikbranche eher zurückhaltend gegeben - aus rechtlichen Gründen. Viele der bestehenden Verträge mit Künstlern haben noch keinen Passus zum Thema Online-Vertrieb. Wenn ein Musiker mit einer deutschen Firma einen Vertrag abgeschlossen hat, kann die seine Musik noch lange nicht im Ausland vertreiben. Das Internet aber ist international. Vor allem die Branchenriesen schreckten vor dem unkontrollierbaren Medium zurück.

Die ersten Musik-Sites im Netz wurden denn auch von Fans erstellt, eine Art musikalischer Underground. Internet-Veteranen kennen Soundfiles, die man sich auf den eigenen Rechner herunterlädt, seit langem. Für die Industrie und die große Musikszene jedoch schafft die bessere Übertragungstechnik Veränderungen von großer Bedeutung. Die freie Verfügbarkeit eines riesigen Musikangebotes im Internet ist ein Alptraum für eine Branche, die nach den Boomjahren seit der Einführung der Compact Disc ohnehin kleinere Brötchen backen muß.

Musikvertrieb im Internet hat zwei Seiten, die häufig verwechselt werden. Zum einen gibt es den ganz normalen Mail-order-Vertrieb im Netz: Man besucht die Homepage eines Anbieters wie cdnow oder Mediacity, wählt aus, schickt seine Kreditkartennummer und bekommt irgendwann ein Paket mit den gewünschten CDs. Natürlich bietet das Internet andere Servicemöglichkeiten als ein normaler Katalog: Filme und Hörproben locken den Kunden, der bequem im Sessel zu Hause einkauft. Teleshopping mit besserem Service, aber nichts Revolutionäres.

Music on demand (auch Audio on demand genannt) verwirklicht dagegen die endgültige Entscheidungs- und Kauffreiheit des Konsumenten. Noch vor zwei Jahren dauerte das Download eines Dreiminutenstücks über eine halbe Stunde - Zeit, die man der Telekom und dem Online-Dienst teuer bezahlen mußte. Ganze CDs herunterzuladen, diese Vorstellung war reine Zukunftsmusik. Dank neuer Verfahren zur Datenkompression ist das heute in wenigen Minuten erledigt. Und seit CD-Brenner für weniger als tausend Mark zu kaufen sind, können auch private Konsumenten zu Hause ihre eigenen Silberscheiben brennen.