Mit seiner größten Entdeckung begann für Jean-Marie Chauvet der Alptraum. Die sagenhafte Bilderwelt der nach ihm benannten Grotte Chauvet bescherte ihm nicht nur unsterblichen Ruhm, sondern vor allem jahrelange juristische Streitereien. Vorläufiger Höhepunkt der Auseinandersetzungen: Drei hohe Beamte der französischen Kulturverwaltung müssen sich demnächst wegen Urkundenfälschung vor Gericht verantworten. Eingereicht haben die Klage Jean-Marie Chauvet und seine Mitentdecker Eliette Brunel-Deschamps und Christian Hillaire, die sich um Millionenbeträge geprellt fühlen.

Die 490 Meter lange Höhle, die Chauvet und seine zwei Kollegen im südfranzösischen Ardèche-Tal 1994 entdeckten, beherbergt nicht nur die älteste, sondern wohl auch die schönste Sammlung prähistorischer Felszeichnungen. In mehreren Kammern und Galerien finden sich über 300 farbige Zeichnungen, deren Alter auf rund 30000 Jahre datiert wird: bedrohliche Bären, kampfeslustige Nashörner, springende Löwen und Pferde. Verblüffend ist nicht nur die Vielzahl, sondern auch die Ausdruckskraft der Bilder in dieser "Sixtinischen Kapelle des Cro-Magnon": Die paläolithischen Künstler benutzten perspektivische Darstellungen und Schattierungstechniken, wie man sie von Höhlenmalereien bislang noch nicht kannte.

Als allerdings der damalige französische Kulturminister die Entdeckung der Grotte Chauvet im Januar 1995 auf einer Pressekonferenz in Paris verkündet, stellt er Jean-Marie Chauvet als "Angestellten des regionalen Archäologiedienstes Rhône-Alpes" vor, Brunel-Deschamps und Hillaire dagegen als "ehrenamtliche Helfer". Und plötzlich gibt es auch ein Dokument, das Chauvet just für die Zeit vom 14. Dezember 1994 bis zum 31. Januar 1995 einen Auftrag zur Prospektion neuer Höhlen erteilt. Damit aber habe er, so die Argumentation seiner Vorgesetzten, in staatlichem Auftrag gehandelt, mithin stünden auch dem Staat die Rechte an der Verwertung der "Weltsensation" zu. Die drei Höhlenforscher fühlen sich ausgebootet und reichen gemeinsam eine Klage ein. Darin werfen sie Patrice Beghain, dem früheren Direktor des regionalen Kulturamts Rhône-Alpes, und Jean-Pierre Daugas, dem regionalen Konservator für Archäologie, vor, das entscheidende Dokument vom 14. Dezember erst nachträglich ausgestellt und vordatiert zu haben, um dem Staat als Dienstherrn die Verwertungsrechte zu sichern.

Im zuständigen Kulturministerium sieht man das ganz anders: Der umstrittene "Auftrag zur Prospektion" sei doch schließlich mit Jean-Marie Chauvets Einwilligung ausgestellt worden, um ihn zu schützen und seine Kosten zurückzuerstatten.

Die Wut der Forscher wächst. Christian Hillaire spricht von "Usurpation" und wütet öffentlich gegen die "Herren Minister", die ihnen ihren Anteil stehlen würden. 500000 Franc haben die Höhlenentdecker als Autoren eines Buchs und mit ihren Photos von der Grotte insgesamt eingenommen - und inzwischen wieder für ihren Anwalt ausgegeben, um ihre zukünftigen Ansprüche zu sichern. Was sie von diesem Geld je zurückerhalten werden, liegt genauso im dunkeln wie die Schätze der Chauvet-Höhle selbst.

Diese werden für immer der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Allerdings sollen in einigen Jahren die Besucher in einem geplanten Touristenzentrum zumindest virtuell in die Grotte eintauchen können: Filme im "Futuroscope"-Stil werden dann die Höhle wiedererstehen lassen, 360 Grad präsent und besser ausgeleuchtet als das Original.

Erst im Mai dieses Jahres hat sich ein Forscherteam unter Leitung des Prähistorikers Jean Clottes darangemacht, die Kunstwerke zu katalogisieren, zu photographieren und ihre Umrisse sorgfältig nachzuzeichnen. Zuvor waren noch die Auseinandersetzungen mit den Eigentümern der Grundstücke zu regeln, unter der die Höhle liegt. Der Staat hatte 30000 Franc für die zehn Hektar Land angeboten, die Besitzer verlangten dagegen 750 Millionen Franc.