So ist die Börse: Die Kurse fallen meist schneller, als sie gestiegen sind. Plötzlich gibt es einen "Ruck", durchaus nicht im Sinne von Bundespräsident Roman Herzog. Alle fürchten den "schwarzen Tag". Die Frage ist, ob es bei dem einen Tag bleibt.

In einem Erdteil ist die Frage bereits beantwortet: Asien erholt sich nicht von der Asienkrise. Ende Oktober 1997 brach sie aus, seither geht alles drunter und drüber in Fernost. Mehr drunter als drüber: Das Vertrauen ist erschüttert, Währungen und Aktien sind geschüttelt. Von Stabilisierung, geschweige denn Erholung, keine Spur.

Die Vereinigten Staaten beeindrucken: Seit 1993 hat die Wirtschaft sechzehn Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Löhne steigen so schnell wie nie in den vergangenen 25 Jahren. Trotzdem ziehen die Preise (noch) nicht an. Der Staat hat seinen Haushalt vorerst in Ordnung gebracht.

Die Märkte sind global. Wenn die Börse einbricht, dann bricht sie fast überall ein. Aber die Folgen sind nicht dieselben in Amerika, Asien und Europa.

In den Vereinigten Staaten haben manche Ökonomen und Politiker den Rückschlag fast herbeigesehnt: Die Aktien seien völlig überbewertet; höchste Zeit, daß die "Blase" platzte. Ein großer Warner war der Präsident der amerikanischen Notenbank: Alan Greenspan sah und mißbilligte schon 1996 den "irrationalen Überschwang". Die Kurse jedoch stiegen und stiegen, den Höhepunkt erreichten sie vor einem Monat, am 17. Juli. Sie sind jetzt, nach der jüngsten Baisse, immer noch höher als 1996.

Fast die Hälfte der Amerikaner besitzt Aktien, ob nun in eigener Hand oder über Anlage- und Pensionsfonds: In den vergangenen Tagen hat also halb Amerika Geld verloren, das wird unweigerlich die Konjunktur dämpfen. Optimisten freut diese überfällige "Korrektur", die das Land vor einer regelrechten Überhitzung bewahre.

Pessimisten hingegen fürchten, daß die Asienkrise zur Weltwirtschaftskrise ausartet und selbst dem kerngesunden Amerika übel zusetzt. Die Amerikaner haben in Asien deutlich mehr zu verlieren als die Europäer, deren Exporte in diese Weltgegend kleiner sind. Zwar haben die Vereinigten Staaten den Rückgang der Nachfrage aus Asien bisher bestens verkraftet, die Arbeitslosigkeit liegt mit 4,5 Prozent tiefer denn je. Aber der Kursrutsch in Wall Street zeugt von der Nervosität: Solange Japan nicht aus der Krise findet, wird der Yen unaufhaltsam fallen. Auch die Währungen vieler Nachbarländer, die auf Gedeih und Verderb vom mächtigen Japan abhängen, bleiben unter Druck. Die Folge: Für amerikanische und europäische Exporteure wird es zusehends schwieriger, ihre Erzeugnisse im Asien des Währungsverfalls und der Rezession abzusetzen. Und: Die Investitionen westlicher Unternehmen in Fernost verlieren an Wert. Beides schmälert ihren Gewinn, drückt also auf die Dividende und den Aktienkurs.

Börsianer nähren die Sehnsucht nach einer Großen Koalition

Die Einbrüche an den asiatischen Finanzmärkten sind Ausdruck einer tieferen Krise von Wirtschaft und Politik. Der Abwärtstrend an der amerikanischen Börse bedeutet zunächst nichts anderes als die Rückkehr zur Vernunft. Auf unserem Alten Kontinent ist beides im Spiel: Einerseits war auch in Europa eine "Korrektur" fällig, wenngleich die Aktien europäischer Konzerne nicht ganz so verrückt hoch bewertet sind wie amerikanische Aktien. Andererseits aber steckt Westeuropa - mit seinem Heer von Arbeitslosen - nach wie vor in jener Strukturkrise, die Amerikas Unternehmer und Politiker längst gemeistert haben. Europa ist weniger anfällig als Japan und weniger widerstandsfähig als die Vereinigten Staaten.

Zudem ist der Durchschnittseuropäer - anders als der Amerikaner - erst seit kurzem im Begriffe, die vielgepriesene Aktie zu entdecken. Die deutsche Regierung hat, zum Beispiel mit der Privatisierung der Telekom, dem Bürger jenes Wertpapier nahegebracht, das ihm fernlag. Der sozialdemokratische Kanzlerkandidat will die Arbeitnehmer "am Kapitalstock der Volkswirtschaft beteiligen" - sie sollen einen Teil des Geldes für die Altersvorsorge in Aktien anlegen, und dies zu einem Zeitpunkt, da die Börse nach langer Hausse vielleicht mehr Enttäuschung als Freude bereiten wird. Das ist heikel. Die jüngste Entwicklung verdeutlicht Risiken der Modernisierung, wie sie Gerhard Schröder vorschwebt. Und sie zeigt die Fragilität des Aufschwungs, von dem sich Helmut Kohl Rettung verspricht.

Das Geschehen an den Börsen wird auf den Bundestagswahlkampf einwirken - ohne daß von vornherein feststünde, wem die wachsende Unsicherheit eher nützt oder schadet. Aus dem Stimmungswahlkampf mag stärker als zuvor ein Kampf um das Urvertrauen erwachsen. Die Börsianer jedenfalls nähren die deutsche Sehnsucht nach der Großen Koalition.

Der "Asieneffekt" kündet von der gewaltigen Aufgabe, die auf den alten oder neuen Regierungschef der wichtigsten europäischen Volkswirtschaft zukommt. Rußland ist jetzt noch tiefer in die Krise geraten, und etliche osteuropäische Staaten werden in Mitleidenschaft gezogen. China hält sich besser, weil es - vernünftiger als die Russen - die eigene Währung nicht frei konvertibel machte und damit ein Stück weit den Spekulanten entzogen hat. Aber das große Land wird sich nicht von heute auf morgen von der Sintflut erholen, und es liegt auch sonst hoch exponiert in jener Weltgegend, deren Wirtschaftskrise mehr und mehr der großen Krise ähnelt, die in den dreißiger Jahren Amerika und Europa erfaßte.

Der Schlüssel liegt in Japan, dessen neue Regierung weder ein noch aus weiß. Um noch Schlimmeres abzuwenden, werden im Rahmen des "G-8" genannten Weltdirektoriums zwei Partner Japans (und Rußlands) besonders gefordert sein: Die Vereinigten Staaten und Deutschland müssen Initiativen ergreifen, auf Tokio Reformdruck ausüben, den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die anderen globalen Institutionen in ein schlüssiges Krisenmanagement einbinden.

Bill Clinton ist derzeit sehr mit sich selber beschäftigt; Helmut Kohl - aus weit edleren Gründen - auch. Doch dem Bundeskanzler würde es mehr nützen als alle Wahlkampfauftritte und alle Brandreden, wenn er in Sachen Asienkrise weltwirtschaftliche Führungs- und Gestaltungskraft bewiese.

Wir haben es derzeit mit einer globalen Wirtschaft ohne global leadership zu tun - das ist der eigentliche Grund der allgemeinen Verunsicherung.

Siehe auch Wirtschaft