Hat er es gewußt? Wahrscheinlich gewußt? Wissen müssen? Geahnt? Ist nicht auszuschließen, daß er es wußte? Einen ganzen Tag lang stritten fünf Professoren um eine einzige Formulierung. Wie immer hatten sie sich in der Frankfurter Zentrale der Deutschen Bank getroffen, an einem großen runden Tisch im Sitzungssaal des hauseigenen Historischen Instituts, im Schatten der gläsernen Bürotürme des Geldhauses.

Sogar beim Mittagessen diskutierte die internationale Historikerkommission weiter. "Schreiben Sie die Wahrheit", beschwor der Direktor der bankeigenen Rechtsabteilung die Wissenschaftler bei Carpaccio und Roulade, "wir leben damit."

Im Urteil der Historikergruppe sehen jetzt mehrere tausend Holocaust-Überlebende eine Bestätigung für ihre Klage gegen die Deutsche und auch die Dresdner Bank. Vertreten vom amerikanischen Anwalt Ed Fagan und seinem Münchner Kollegen Michael Witti, fordern sie achtzehn Milliarden Dollar wegen "Ausplünderung" der Juden. Am 7. Oktober werden sie in New York erstmals vom Richter angehört.

53 Jahre nach Kriegsende hat die Frage der Wiedergutmachung plötzlich eine neue Dimension erreicht. Gestützt auf neue Urteile deutscher Gerichte, halten sich die Petenten jetzt nicht mehr an die Bundesregierung, sondern an die Profiteure von Goldhandel, Arisierung und Zwangsarbeit - Commerzbank, Degussa, Volkswagen, Deutsche Bank, Siemens, Diehl, Dresdner Bank, Daimler-Benz, Porsche, Krupp, Allianz (siehe "Prämie + Zinsen", Seite 13).

Die Deutsche Bank hat bewußt riskiert, daß sie nun unter Beschuß gerät. Als erste Bank verordnete sie sich vor zehn Jahren eine radikale Glasnost-Politik fürs Firmenarchiv, während die Kollegen von der Dresdner - einstmals Vertrauensbank der SS - der Öffentlichkeit bis zum vergangenen Jahr vorgaukelten, ein Firmenarchiv gäbe es nicht (siehe "Mit dem braunen Band der Sympathie", Seite 12).

Mögen im Keller der Dresdner noch stärkere Belege für die braune Vergangenheit lagern, so wird die Rolle der Deutschen Bank dennoch einzigartig bleiben. Nur sie hatte Hermann Josef Abs, "die Schlüsselfigur der Goldtransaktionen", wie die Historikerkommission meint. Abs, das Synonym für die Deutsche Bank - ein Mann, der zuerst den Nazis diente und dann zur Ikone der Nachkriegszeit wurde; der zum Bankier des Wirtschaftswunders aufstieg und die Ansprüche der NS-Opfer herunterhandelte; der nie eine Autobiographie schrieb, weil er meinte, "zuviel über andere zu wissen", während andere zuwenig über ihn wußten. Ein Mann wie die Bank, wie das Land?

Wenn das so einfach wäre.