"Sei kommerziell. Was ist das überhaupt? Es ist das, was die Leute wollen. Also gebt ihnen, was sie wollen. Es ist nicht verkehrt, kommerziell zu sein." Walt Disney

Es gibt Momente, da kann man Bran Ferren nicht mehr folgen. Worte fliegen, die Sätze sprudeln, Gedanken werden im Stakkato formuliert. Ferren doziert: über die Entwicklung der menschlichen Kommunikation, das Telephon, den Computer, das Internet. "That's clear?" ruft er, "alles klar - oder nicht?"

"Fragen Sie Bran", hatte ein Pressesprecher der Walt Disney Company gesagt, als wir über die Aussichten des Unternehmens im nächsten Jahrhundert sprachen. Im Reich der Maus denkt Ferren über die Zukunft von Amüsement und Unterhaltung im Zeitalter des Computers nach. Offiziell ist er der oberste Forscher und Entwickler in einer Abteilung, die den mysteriösen Titel imageneering trägt.Gut 2000 Designer, Ingenieure, Bildhauer und Erfinder wunderlicher Dinge arbeiten hier. Er habe von Disney einen großen Sandkasten bekommen, sagte Ferren einmal - "zum Spielen".

Der schwergewichtige Mittvierziger ist nicht der einzige Exzentriker unter den Disney-Angestellten in Burbank, Kalifornien - und der, nach Time Warner, zweitgrößte Medien- und Unterhaltungskonzern der Welt ist auch keine normale Firma. Der Leiter des Trickfilmressorts kommt Tag für Tag in roten Turnschuhen zur Arbeit. Mancher Schreibtisch sieht aus wie die Theke eines Spielwarenladens, auf der sich Goofy-Puppen, Micky-Figuren und andere Disney-Artikel stapeln. Über dem Eingangstor zum Studio an der Alameda Avenue wölben sich zwei pastellfarbene Palmen aus Gips und Beton; sieben steinerne Zwerge, jeder an die sechs Meter hoch, stützen das Dach in der Konzernzentrale. Mäuseohren verzieren die Stühle im Speisesaal. Selbst Disneys hartleibiger Chef Michael Eisner sei eigentlich ein großes Kind, sagt einer, der ihn zu kennen glaubt.

Natürlich stimmt das nicht, Eisner ist ebenso erwachsen wie sein Unternehmen. Im Oktober sind es 75 Jahre, seit Walter Elias Disney aus Kansas City an die Westküste kam und sein Firmenschild an eine Garage in Hollywood nagelte. Aus seiner Cartoon-Klitsche ist inzwischen ein Weltkonzern geworden, der über 22 Milliarden Dollar umsetzt und mehr als 110000 Menschen beschäftigt. Die Disney Company besitzt 6 Ver-gnügungsparks, 18 Hotels, 4 Filmstudios, mehrere TV- und Kabelkanäle, 4 Plattenfirmen, 2 Buchverlage, 664 Disney-Läden, 27 Radiostationen, 2 Sportvereine und demnächst 2 große Kreuzfahrtschiffe. Kein anderes amerikanisches Unternehmen "bestimmt mehr über die Figuren, mit denen Amerikas Kinder spielen, die Lieder, die sie singen, und die Ferien, von denen sie träumen", schrieb das Magazin Business Week. "Disney ist top", sagt Steve Jobs, der Chef des Computerbauers Apple.

Nicht jeder denkt so. Jenen, die über "gute" Unterhaltung und "hohe" Kunst wachen, ist Disney seit je ein Dorn im Auge. Seine Produkte seien vulgär, simpel und irreal, urteilen manche Kulturkritiker. Disneyfication wurde in der amerikanischen Sprache zum Synonym für Schwindel und Scharlatanerie. Ein linker Schreiber befand, daß sich hinter den Mäuseohren eine repressive Ideologie verberge; Angestellte des Konzerns wurden als Disnoids beschimpft, das Unternehmen wurde als "Mausschwitz" verunglimpft. Mit dem Bau des Disney-Parks nahe Paris drohe ein "kulturelles Tschernobyl", meinte allen Ernstes eine französische Intellektuelle im Jahr 1992.

Die Massen hat diese Kritik der kulturellen Elite noch nie gestört. Nur zwei Jahre nachdem die Mickymaus 1928 als Zeichentrickfigur das Licht der Welt erblickte, war der sympathische Nager rund um den Globus bekannt. Ein Pariser Kino zeigte sechs Disney-Cartoons am Stück. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg machte das Unternehmen fast die Hälfte seines Geschäfts im Ausland. Danach wurde der Name Disney erst recht zum Inbegriff Amerikas, so wie Coca-Cola und McDonald's. Heute zählen die 6 Vergnügungsparks des Konzerns Jahr für Jahr mehr Besucher als alle 54 amerikanischen Nationalparks zusammen. Disney-Filme spielen in Singapur ebenso wie in Seattle oder Stuttgart vor monatelang ausverkauften Häusern; allein das Zeichentrick-Epos "König der Löwen" brachte 1,2 Milliarden Dollar ein. Auch am Broadway ist die Unterhaltungsschmiede inzwischen unbestrittene Nummer eins. Für die Musical-Version des "Lion King" - ein grandioses Bühnenspektakel mit mitreißenden Kostümen und einer pulsierenden Musik - gibt es Karten erst wieder im nächsten Jahr.