Der Kanzler versucht, das Blatt noch einmal zu seinen Gunsten zu wenden, so schwer das so kurz vor der Bundestagswahl auch aussehen mag. Er setzt darauf, daß die Wähler in Wahrheit noch nicht losgelassen haben von der lieben Gewohnheit namens Helmut Kohl. Nur auf diese Bereitschaft aber baut Gerhard Schröder, und diesen Wechsel möchte er so unauffällig wie möglich gestalten.

Der Wahlkampf beginnt erst richtig? Man sieht doch: Es ist fast nichts anderes zu entscheiden übriggeblieben als dieses eine, ob die Republik ihren Besitzstand, Kohl, verteidigt oder sich für einen kaum definierten Neuanfang entscheidet.

Vermutlich ist die Wahrheit trivial: Die SPD weiß nicht, welche Koalition sie wollen soll, und nimmt's, wie's kommt. Helmut Kohl, frisch aus dem Urlaub zurück, unglaublich beschwingt und heiter in ewiger Selbstsuggestion, aber auch fest auf den Aufschwung vertrauend und darauf, daß die Zahl der Arbeitslosen noch gerade unter die Symbolmarke von vier Millionen sinkt - Kohl also glaubt, die Republik mit den Aussichten auf ein rotgrünes "Lager" im Innersten erschrecken zu können. Zur Folge hat das alles bloß, daß es zwar um viel geht, nämlich um einen potentiellen Machtwechsel nach sechzehn stabilen Jahren, aber gerade darum darf von den politischen Effekten für die Zeit nach dem 27. September nicht die Rede sein.

In diesen Tagen hat die Politik etwas beinahe Irreales

Merkwürdig, wie sich die Lage beider Volksparteien ähneln. Helmut Kohl verstellt den Blick auf Schäuble, oder genauer: auf die Union in der Ära danach. Und Wolfgang Schäuble übt sich in Loyalität. Kohl will auf seine Weise gewinnen. Das soll er dann bitte auch. Schröder verstellt den Blick auf Oskar Lafontaine. Der zeigt sich so kontrolliert wie lange nicht. Wie bei Schäuble kann man bei Lafontaine nur erahnen, in welchen Fragen er anders denkt als der kandidierende Freund. Es ist also so gekommen, wie Schröder und Kohl es haben wollten. Auf ihnen ruht alles. Das Risiko ist für beide hoch. Wenn Schröder es schafft, wird er stark, jedenfalls zunächst einmal.

Im Augenblick hat die Politik damit etwas beinahe Irreales. Man muß sich nur einmal auf der Zunge zergehen lassen, wie es da zwischen Ingeborg Schäuble, Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble und am Ende der Reihe auch Volker Rühe hin und her wogt. Das ist schon ein politisches Datum, dieses Gespräch, das Frau Schäuble mit dem Journalisten Hans-Peter Schütz für den stern führte. Warum sagt sie gerade jetzt noch einmal, sie wolle nicht, daß ihr Mann Kanzler werde? Im Wortlaut, den Wolfgang Schäuble zuvor gegengelesen hat: "Weil ich finde, daß das ein Amt ist, das unheimlich viel Kraft kostet und ihm noch weniger Spielraum lassen würde. Ich glaube im übrigen, daß es nicht leicht wäre, der Öffentlichkeit das Bild eines Kanzlers im Rollstuhl zu vermitteln."

Dann aber bekundet Kohl Frau Schäuble Respekt, beruft sich jedoch auf einen Satz ihres Mannes, mit dem dieser wiederum im Spiegel- Gespräch das Gespräch seiner Frau kommentiert. Dieser Satz lautet: "Heute weiß ich: Ich kann es im Rollstuhl." Bloß, diese Bemerkung bezieht sich auf die Selbstzweifel Schäubles im Jahr 1991, ob er sich das Amt des Fraktionsvorsitzenden aufbürden dürfe.