Natürlich sind Graffiti häßlich. Und mit Kunst haben die vielen gequirlten Kringel, die Comicfigürchen und barbusigen Nixen auch nichts zu tun, selbst wenn manche das gerne behaupten. Doch ganz gleich, ob wir die Bilder aus der Sprühdose nun schön finden oder scheußlich: ändern wird es nichts. Längst haben sich die Graffiti allen Geschmacksurteilen entzogen, sie haben sich festgesetzt und werden weiter unsere Städte verfärben. Das Buchstabengewölk ist schon lange keine Jugendmode mehr wie viele andere, die kommen und rasch wieder verfliegen, denn dann hätte der Druck längst raus sein müssen aus den Dosen, und der Farbnebel wäre abgezogen. Doch er hält sich hartnäckig.

Auf eine mittlerweile fünfzehnjährige Erfolgsgeschichte blickt das Phänomen Graffiti schon zurück. 1983 tauchten überall in Deutschland die hingesprühten Hieroglyphen auf, die ersten S-Bahnen fuhren mit aufgemalten Kurzbotschaften herum. Seitdem brodeln die Gemüter, die doch sonst so schnell abstumpfen und sich abfinden mit den ästhetischen Abartigkeiten des Alltags. Kein Mensch gründet eine Bürgerinitiative gegen miserable Architektur oder optische Umweltverschmutzung, die aus den Baumärkten in die deutschen Lande getragen wird. Auch über die Werbetafeln, die uns mit ihren Botschaften bombardieren, regt sich kaum jemand auf. Nur das Ärgernis Graffiti kühlt nicht ab. In Berlin schlossen sich Bürger sogar zu einer Aktionsgemeinschaft namens Nofitti zusammen und protestierten gegen die "Sabotage der Hauptstadt".

Doch weder Umarmung noch Würgegriff, weder Nobilitierung noch Kriminalisierung schwächten die polarisierende Kraft der hingepusteten Wandzeichen. Selbst die Werbe- und Designagenturen, die den Graffitistil gerne als fesche Geste verkaufen, konnten dem Konflikt seine Schärfe nicht entziehen. Und so verwirren sich die Fronten, und die Bilder des Untergrunds sind auch die Bilder des Übergrunds. Sachbeschädigung gilt zugleich als Sachverschönerung: Ob Kranken- oder Sparkassen, ob Broschüren oder Sofabezüge, jeder scheint sich heute mit der Jugendfrische des Subversiven schmücken zu wollen. Sogar eine große Kampagne für Gentechnik des Unternehmens Novartis macht neuerdings Reklame mit einem Photo, das hingesprühte Namenszüge zeigt. Damit "fordern wir zum Dialog auf", heißt es im Anzeigentext, man wolle die "Argumente hören, die andere gegen unsere Positionen vorbringen". Graffiti werden hier zur Formel für öffentliche Foren stilisiert, zum Symbol für eine lohnende Debatte. Vielleicht ist es ja tatsächlich so: daß der Erfolg der Sprühbilder darin liegt, daß sie sich weder eingemeinden noch ausgrenzen lassen. Daß niemand gleichgültig bleibt und jeder sich aufgerufen fühlt zur Stellungnahme. Und daß sich an ihnen ein ästhetischer Konflikt entzündet, der eigentlich eine Kontroverse über das gesellschaftliche Zusammenleben ist.

Hinter dem Streit um Graffiti steht die Frage, was uns die Stadt, was uns öffentlicher Raum überhaupt noch bedeutet. Und da prallen zwei Welten aufeinander.

In der einen ist die Stadt ein Ort der Ordnung und der öffentliche Raum längst auf dem Rückzug. Er wird in megalomanen Einkaufsburgen eingesperrt wie dem Oberhausener Centro oder dem Potsdam-Center, das gerade gebaut wird. Es wächst dort eine Stadt in der Stadt mit Ladenflächen, die wohl so groß werden, daß alle Geschäfte Potsdams darin Platz finden. Dieses Center wird das Zentrum schlucken, es wird ihm alles Leben entziehen.

Immer mehr öffentlicher Raum wird abgedeckelt, wird in Foyers, Atrien und Galerien von Videokameras beschattet und von Sicherheitsstreifen kontrolliert: Es entstehen künstliche Vergnügungswelten, entpolitisierte Sphären, in denen Bettler oder Demonstranten nicht vorkommen.

Da mögen manche noch träumen von den zwanziger Jahren, in denen das Leben über die Boulevards pumpte, oder vom mediterranen Marktplatz, der dem Flaneur Lust und lange Nächte verspricht - als Piazza in der Shopping-Mall hat die Wirklichkeit diesen Traum längst gebaut und ihm feste Öffnungszeiten verpaßt. Auch einen Namen für ihre Miniaturstädte eigenen Rechts haben die Investoren bereits: Sie sprechen vom Urban Entertainment Center . Daß in diesen Erlebnislandschaften vor lauter Erlebnis das Leben labbrig schmeckt und nach reichlich Farbstoff, daß alles programmiert ist und die Wirklichkeit nur Simulation, scheint das Schicksal unserer Städte zu sein. Wären da nicht die Graffiti.