Drum 'n' Bass war die abenteuerlustigste Musik der mittleren neunziger Jahre. Eine Kunst, die schon im Namen klarmacht, daß es um die Reduktion aufs Wesentliche geht - um Trommeln und Baß eben, die das Kräftespiel der Klänge von den Melodieinstrumenten zu den Rhythmusgebern verschieben, von den hohen zu den tiefen Frequenzbereichen, von hymnischen Refrains zu abstrakten Klangfarbenspielen.

Die synthetischen Perkussionsfiguren, am Computer errechnet, verwirbeln den klar gegliederten Beat der Dancefloormusik, lösen simple Schlagzeugmuster in einem polyrhythmischen Karneval auf. Hartes, metallisches Klicken trifft auf fettes, selbstzufriedenes Wummern. Dauerschaltungen von Minimalmelodien erinnern an Videospiele, nervtötendes Zirpen und Schnarren an defekte Haushaltsgeräte.

Sowenig diese Musik die gebieterische Rhythmusgeste pflegt, sowenig war sie bis vor kurzem an der Hervorbringung von Stars interessiert. Drum 'n' Bass gedieh am besten in flexiblen Netzwerken namenloser Produzenten, die ihre Identitäten hinter ständig wechselnden Pseudonymen verbargen. Eine Kunst, die entlang der Fluchtlinien von Deleuze/Guattari in unvermessenes Gelände huschte, ständig ihre Erscheinungsform änderte und durch ihre schiere Flüchtigkeit dem Schicksal entrann, zur Warenform zu degenerieren.

Diese Gegenwelt der "ever changing sounds" und der White Labels - Platten, die keinerlei Namens- und Informationsaufdrucke haben - verträgt sich schlecht mit den Interessen der darbenden Plattenindustrie, die auf stabile Künstleridentitäten und wiedererkennbare Klänge baut. So wurde vor zwei, drei Jahren die Drum -'n'-Bass-Deregulierung eingeleitet: Die großen Firmen fischten die vielversprechendsten Produzenten aus dem Pool, stellten stattliche Budgets zur Verfügung, inszenierten Werbekampagnen und hofften, daß aus den geballten Anstrengungen ein Michael Jackson erwüchse.

Im Sommer 1997 wurde Roni Size mit seinem Projekt Reprazent nach vorne geschoben, zu Beginn dieser Saison Goldie, der Chef des Metalheadz-Labels. Beide strebten ein Meisterwerk an - Size im Kielwasser von Miles Davis, Goldie mit großem Orchesterzauber gleich im Bayreuth-Stil - und beide scheiterten kläglich am Markt.

Jetzt ist das Duo 4 Hero unter der Supervision der Firma Talkin' Loud die letzte Trumpfkarte im Drum-'n'-Bass-Monopoly. Die afrofuturistische Superband, die begriffslose Fans und die Pop-Intelligenz versöhnen soll. Wenn man liest, was beispielsweise Spex über 4 Heros Platte "2 Pages" schreibt, glaubt man wirklich an den Durchbruch in eine neue Dimension: "Sie dringen in einen elektro-akustischen (Cyber-)Space vor, der gleichzeitig als Diskursmaschine für metaphysische Spekulationen und historische Konstruktionen fungiert. Hängen an ihren Klängen wirklich kleine Peilsender, die mit den Außerirdischen Kontakt aufnehmen können?"

Dann legt man die CD ein: gekräuselte Cappuccino-Klänge, schwüle Saxophonweisen aus den siebziger Jahren, Digi-Dudel, Streicher-Schlieren aus der Konkursmasse von Henry Mancini, Räucherstäbchen-Lyrik von Schmetterlingsträumen und Bewußtseinsgärten. Jeder New-Age-Kongreß würde 4 Hero mit Freude zur Abschlußparty verpflichten. Aber von Drum 'n' Bass ist diese Musik so weit entfernt wie Rosamunde Pilcher von Thomas Pynchon.