Washington, im August

Ira Magaziner, der Ruf eilt ihm voraus, ist ein Mann mit Mission. Und er enttäuscht seinen Besucher nicht. "Herr Magaziner mußte heute morgen leider kurzfristig nach New York. Sein Vater ist gestorben. Aber er möchte am Telephon mit Ihnen reden", erklärt sein persönlicher Assistent, stellt die Verbindung für dieses lange Gespräch her und verläßt diskret das große Eckbüro im Old Executive Building gleich neben dem Weißen Haus.

Bisher wirkte Magaziner vor allem hinter den Kulissen; jetzt rückt er immer mehr ins Rampenlicht. Kürzlich veröffentlichte er einen vielbeachteten Plan, um das Chaos der Internet-Adressen zu ordnen. Und derzeit versucht er praktisch im Alleingang, der amerikanischen Online-Industrie Datenschutz beizubringen.

Das sind nicht nur Themen für den amerikanischen Hausgebrauch - im Gegenteil. Sie stehen für die Gretchenfrage der Netzwelt: Welche Rolle soll der Staat dort spielen? Über die Antwort werden die Vereinigten Staaten und Europa noch so manches Mal aneinandergeraten, demnächst wohl in Sachen Datenschutz.

"Das Internet ist der perfekte Markt - perfekter jedenfalls als alles, was die Menschheit bisher erlebt hat", leitet Magaziner das Gespräch ein. Der Staat störe da nur: Seine Gesetze würden in der schnellebigen und internationalen Netzwelt ignoriert.

Eine erstaunliche Sicht auf Markt und Macht, war Magaziner doch bisher durch eher linke Aktionen aufgefallen: Im Jahre 1971 zog der frisch diplomierte Ökonom mit Freunden in eine Kleinstadt bei Boston, um sie in ein "Arbeiterparadies" zu verwandeln - vergeblich. Genauso scheiterte 1984 der Plan des inzwischen hochbezahlten Unternehmensberaters, im Bundesstaat Rhode Island eine ehrgeizige Industriepolitik zu starten. Und während Clintons erster Amtszeit war Magaziner einer der Leute, die das Projekt einer garantierten Krankenversicherung für jeden Amerikaner vorantrieben.

Magaziners Ambitionen werden wohl nur übertroffen von der Verbissenheit, mit der er sie verfolgt. Wenn es sein muß, arbeitet er zwei Nächte hintereinander durch. Mehrere Monate im Jahr ist der Vater von drei Kindern auf Reisen. "Er will ständig das Quadrat neu definieren. Grenzen kennt er nicht", erklärt seine Frau die Arbeitswut.