Welche Folgen hatte eigentlich die gewagte Behauptung, das organisierte Verbrechen entwickle sich mit Hilfe des Internet zu einer unbeherrschbaren Gefahr? Immer wieder war die Behauptung ja in den Medien aufgetaucht, als über die Kindervergewaltiger berichtet wurde, die sich bei ihren miesen Geschäften des Computernetzes bedienten.

Da ist einmal die hilflose Ankündigung von Innenminister Kanther, er werde eine Software entwickeln lassen, die einschlägige Internet-Angebote aufspürt; da sind vereinzelte Initiativen, die das Netz aus eigener Kraft besser kontrollieren wollen; und vor allem sind da eine Reihe Verschwörungstheorien, die den übers Internet kursierenden Phantasmen ein paar neue hinzufügten.

Ihnen stehen die Spezialisten und Internet-Freaks gegenüber, die Bescheid wissen (oder zu wissen glauben) und sich nicht verständlich machen können (oder wollen). Wo immer sie auftreten, befinden sie sich in der Position der Stärkeren und Cooleren, denn das Netz gilt trotz aller Skepsis immer noch als Inbegriff des Fortschritts. Sprechen die Insider mit dem unwissenden Teil der Menschheit, gibt es zwei Möglichkeiten: Sie überfordern ihr Gegenüber mit detailreichen Schilderungen technischer Zusammenhänge, oder sie fertigen es mit ein paar Schlagworten ab, die mehr einschüchtern als aufklären. Eine alte Geschichte, immer dann zu beobachten, wenn Fachleute und Laien aufeinandertreffen.

Nun zum trivialen Grund Nummer zwei; er läßt sich anhand der Diskussion um das Netz als rechtsfreien Raum veranschaulichen: Die Behauptung, das Internet bringe Kinderschänder erst hervor, weil die Pornogeschäfte dort ungestört in industriellem Ausmaß betrieben werden könnten, bietet bequemen Schutz vor einer unbequemen Tatsache: daß nämlich rund neunzig Prozent der Opfer ihre Vergewaltiger sehr gut kennen - es sind meist ihre Väter, Onkel oder deren gute Bekannte.

Daß diese Täter mit der Zeit gehen und ihre Photos und Videos via Internet vertreiben, ist schlimm. Allein: Man kann nicht die Übertragungsmethode dafür verantwortlich machen. Das Internet ist nicht Täter, sondern Technik. Andererseits muß die Internet-Gemeinde Abschied nehmen von der romantischen Vorstellung, Gesetze und Kontrollen seien nur für die Unwissenden da draußen in der realen Welt gemacht.

Die Lösung ist so trivial, wie es die Gründe für die Mythologisierung des Cyberspace sind: Die einen lassen sich erklären, wie es funktioniert. Und die anderen hören auf, die Allwissenden zu spielen.