Das Schloß ist natürlich sehr schön. Mächtig, in zartem Vanille gestrichen, umsäumt es den viereckigen Hof, das Klassenzimmer der Ausschweifung, in dem der Österreicher Hermann Nitsch sein Lebenswerk vollendet: sechs Tage und Nächte im Rausch, der Kunst halber. Eine Partitur von gut 1500 Seiten, in der jede Minute Planungsverwendung findet, läßt den Uneingeweihten befürchten, ein Meßdiener der Kunst zu werden. Ein Irrtum unter mehreren.

Ein ordentliches Portal führt zum Garten hinaus; links Kräuter und Blumen im Geviert, rechts baumeln rotgrüne Birnen, Pflaumen und Äpfelchen ihrer Reife entgegen. Zahllose Holzbänke und leichte Holztische, wie vor einem Wirtshaus verteilt, harren noch ihrer Bestimmung. Nur sehr vereinzelt sitzt hier und da ein Mensch am Tisch, Teller und Glas vor sich, häufiger aber ein Handy am Ohr, um die Berichte in die Welt zu schicken, was hier, unter dem friedlichen, sehr blauen Himmel, an Orgie so abgeht. Man hört, unter dem sanften Ton des Laubes wie zufällig herangeweht, die fleißigen Chöre und Orchester von Schloß Prinzendorf, die allerlei Musik - Gregorianisches und ein Schifferklavier mit lustigen Liedern, Glockenspiel, Streicherflächen, Schrammelmusik und Bläsergewalt - zur Aufführung bringen. Durchdringender ist das Hupkonzert, das etwa dreißig tierschützende Frauen vor dem Portal veranstalten, gleich neben den nervenstarken Gendarmen, die ostentativ unbeteiligt in der Hitze herumstehen und zuzeiten ein wichtiges Gesicht machen. Hin und wieder tragen drei Nackte eine hölzerne Kiepe am Obstgarten entlang, das sieht sehr schön aus. Andere Helfer sind weiß gekleidet, mit roten Flecken und Schlieren, was gegen die Abendsonne still leuchtet wie ein geglückter Vers. In der Ferne bellt verwegen ein Hund.

Aber die Orgie?! Selbst an dem Tag des Festes, der dem Gott Dionysos geweiht ist, läßt sie in großer Ruhe auf sich warten. Im Schloßgarten sitzen zivilisierte Menschen an langen, hölzernen Tischen, sprechen mäßig dem Wein zu und warten auf den Sonnenuntergang, während Vertreter der Presse mit Notizblöcken und schweifenden Augen, das Handy zur Seite, in großer Zahl Exzesse und Effekte heischen. Noch hat Apollo alle im Griff. (Bis auf die Protestierer natürlich. Deren Furor ist gar nicht mehr einzuholen.)

Ein Pfau pickt mit langen Schritten durch den Hof, während das geschmückte Eisenkreuz auf seinem Holzgerüst mit Rosen umlegt wird. Es läuten fünf große Glocken im rostigen Gestühl; das riesige weiße Tuch aus dem Schlachtbecken, nun braun, rot und grau von Tomaten, Trauben und Blut, liegt in der freien Hofmitte. Ein nackter blonder Jüngling sitzt rittlings unter dem Kreuz, die Hände an dessen Senkrechten. Die Prozession über die sanften Hügel beginnt, führt am Parkplatz entlang, die Grasnarbe seitwärts, an den Äckern vorbei durch den Wald. Rechts glüht sich die Sonne für heute aus, links oben ruht der gläserne Mond, und unter den rotbäckigen Melodien der führenden Blaskapelle richtet der junge Mann sich auf. Er wird, auf seinem Podest aus Blumen, von etwa zwanzig Männern in Weiß getragen, hinter ihm die wenigen Hundertschaften, die zu Nitschs großer Woche gekommen sind. "Sehr mickrig", sagt eine Stimme im Pulk bedauernd, und ebenso wird ihr zugestimmt. "Wo sind denn unsere Tierschützer?" klingt Fürsorge aus der Menge - man hat sich doch irgendwie an sie gewöhnt.

Die Prozession führt durch das Dorf Prinzendorf, an Leuten vorbei, für die eine Ochsenschlachtung beileibe keine Kunst ist und die ganze Aufregung Blödsinn. Sie stehen da, die Hände in die Hüften gestützt, wie frisch von Deix gemalt, und nehmen übel. Vielleicht lesen sie die Neue Kronen Zeitung, die täglich von neuen Skandalen aus dem Reiche Nitschs berichtet ("Fleisch in der Sonne verdorben!", "Blutorgie!", "Ein Angriff auf Gottesverehrung und Menschenwürde, sagt auch Kardinal Schönborn"), oder das gleichgestimmte Massenboulevardblatt täglich alles. Sie werden aufgeatmet haben, als sich am vierten Tag der Aktion der FPÖ-Landesrat Hans-Jörg Schimanek zum Führer des Volkszorns machte und "wegen schwerer Verstöße gegen humanmedizinische und veterinärmedizinische Grundsätze, gegen Hygienebestimmungen und gegen das Jugendschutzgesetz" eine Umwidmung der Kunst zu einer Privatveranstaltung erwirkte. Aber die anderen sitzen schon erwartungsfroh auf dem Dorfplatz, wo das Fest für die Anwohner stattfindet: Schlachtung hin, Abendland her, wo's Wein gibt, Rippchen und eine Blasmusik, da können die Feste nicht ganz schlecht sein.

Recht haben sie, die vorsichtig Neugierigen, die entschlossen Vergnügungswilligen, die harmlosen Adabeis und schließlich die junge Mutter, die sagt: "Wissen Sie, wenn der Vater bei uns ein Schwein schlachtet, dann geh' ich ja auch ins Haus. Aber beim Schlachtfest bin ich dabei!" Was sie von Nitsch weiß, ist das, was alle ahnen: Da werden blutrünstige Spiele gemacht, und das wäre doch nun nicht nötig. Das findet der Mann in mittleren Jahren auch, der in sein Auto steigt mit dem Ruf an die Familie: "Endlich a Ruah!" und mit sattem Klang die Tür in den Mercedes schwingen läßt. (Und er tut gut daran zu fliehen: Gespielt wird bis in die Nacht, der Wein fließt wie angekündigt donauweis', und da bleibt Stimmung nicht aus. Wie sonst auch beim Heurigen eben, nur ohne Kunst.)

Läßt sich frischer Tomatensaft ganz aus der Seide waschen?