Die Stimmung war gut, das Grab noch offen. "Tod der Moderne" lautete der Nachruf, den ein früher Schüler des späten Foucault zum Selbsthilfepreis verteilte. Das Tübinger Konkursbuch spendierte Schaumwein, "zur Feier des Tages". Jean Baudrillard kämpfte gegen die Freudentränen. Heiner Müller kondolierte mit solidarischem Gruß. "Im Auftrag der Geschichte..." Im eigenen Schlagschatten drängelte Axel Matthes in vorderster Front, schließlich habe er es schon immer gewußt. Nur Siegfried "Goethe" Unseld war vom plötzlichen Hinscheiden der Moderne überrascht. Ja, unsere Frankfurter. Sie hatten sich rar gemacht an diesem schönen Frühlingstag in der Mauerstadt Berlin. Endlich erschien der Trauerredner, ein französischer Philosoph namens Jean-François Lyotard. Mit erstickter Stimme sprach er vom Sieg des postmodernen Wissens in einer grenzenlosen Welt. "Die Idee vom Konsens ist veraltet und suspekt..." Der Rest ging in Batailleschen Gesängen unter. Die Postmoderne konnte beginnen.

Man muß die Geschichte nicht noch einmal erzählen. Im Sturm eroberte Lyotards Formel vom Anbruch der Postmoderne die Bundesrepublik und wurde zum Emotionsdesign der endlosen achtziger Jahre. Postmoderne, das war ein Lebensgefühl zwischen Eleganz und Ironie, ohne Trauer, ohne eine letzte Wahrheit und ein absolutes Wissen. Es war ein Leben im Paradox, auf nichts mehr wartend, auf nichts mehr hoffend, unverantwortlich und ungläubig, in der Windstille einer Weltgeschichte, die keine mehr war. Fortschritt? Eine Schmeichelphrase. Revolution? Kaffeeklatsch der Weltgeschichte.

Vergeblich. Schon bald klangen die Pariser Rhapsodien vom Tod des Subjekts und dem Ende der linken Politik immer eintöniger. Der vollmundige Abgesang auf die "Große Erzählung" wurde selbst zur Erzählung, zum Salonfatalismus der achtziger Jahre. Denn wenn alles Handeln in Paradoxien endet, wenn Gerechtigkeit immer nur Ungerechtigkeit schafft, dann wird Handlungsverzicht zur Forderung des Tages. Schon bald war die postmoderne Gesellschaftstheorie, die sich auf kein politisches Projekt mehr einlassen wollte, von einem Hyperkonservatismus nicht mehr zu unterscheiden. Und nur zu gut harmonierte das postmoderne Pathos der Distanz mit der konservativen Wut auf alles "Soziale". Gerechtigkeit? Denkstaub der Aufklärung. Politik? Eine Schwindelblüte.

Um das Beste des postmodernen Denkens, um seine Vernunftkritik, wurde es still. In kurzer Zeit war das enorme Anregungspotential erschöpft und der Freiheitsgewinn verspielt. Schließlich wurde Lyotards Philosophie der politische Stachel gezogen. Ebenso erging es Jacques Derrida, dem anderen Halbgott der Szene. Die deutsche Entourage stutzte sein Denken aufs ästhetische Halbformat und beförderte ihn unter kultischen Verrenkungen in den geschlossenen Himmel der Kunst. Derrida? Ein DFG-Projekt. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Anything goes, hieß es nun, und mit diesem Mißverständnis wurden die Pariser Meistersinger breitseitig anschlußfähig. Der postmoderne Konformismus wurde zum radical chic des neokonservativen Denkens, wann immer ein Medienkongreß auf deutschem Boden niederging. Gern gesehen war auch die Koalition mit den Propheten der Posthistoire - also jenen Denkern, die felsenfest davon überzeugt waren, nun sei die Geschichte am Ende. Rien ne va plus. Morgen ist wie heute wie gestern: Der ewige Frieden als Farce. Das war wunderbar suggestiv, und Alexandre Kojève und Ernst Jünger hatten es auch schon gesagt. Aber nichts war vergänglicher als diese Ewigkeit. Kaum hatte sie begonnen, endete sie auch schon. Im Jahre 1989.

Die US-Postmoderne fördert das Geschäft der Konservativen

Nach diesen Eruptionen, nach der Rückkehr der Geschichte war das posthistorische Denken Schnee von gestern, während die postmoderne Ästhetik nichts von ihrer Kraft verlor. Doch viele Denker, die einst den Tod der Moderne als neue Freiheit bejubelten, beugen heute ihr Haupt in Heideggers Hütte, Motto: Erst die Metaphysik dekonstruieren, dann im Schatten deutscher Eichen wieder zusammenbauen. Auch wenn die besten Teile fehlen.