Dies ist kein Buch für den Nachttisch. Man wird sich hüten, die tückischen Flötenklänge und vergifteten Heideröslein des Idyllikers Philip Roth an die Pforte zum eigenen Schlaf heranzulassen. Denn natürlich ist das "Amerikanische Idyll" kein solches - und schon gar kein "American Pastoral", kein Hirten- und Schäferstück, wie der Originaltitel mit schneidender Ironie verkündet -, sondern das Protokoll eines zerstörten Lebens. Wir erleben den Zusammenbruch einer Vorzeigefamilie, einer kleinen heilen Welt, in der das große Ganze der amerikanischen Nachkriegsgeschichte sich spiegelt. Idyllen malt da nur die Erinnerung.

Newark, New Jersey, Anfang der vierziger Jahre: "Keiner der wenigen eher hellhäutigen Schüler an unserer vorwiegend von Juden besuchten staatlichen Highschool besaß auch nur entfernt so etwas wie die steinerne Wikingermaske dieses blauäugigen Blonden mit dem forschen Kinn, der als Seymour Irving Levov in unseren Stamm geboren war." Das ist Roths Held: ein blonder, hochgewachsener, muskelbepackter Superjude, eine Sportskanone, ein Mädchenschwarm. Ein jüdischer Arier sozusagen. Man nennt ihn "den Schweden". Und Nathan Zuckerman, der Erzähler, bewundert ihn. So sehr, daß er, als Levov ihn fünfzig Jahre später brieflich um ein Treffen bittet, sofort zusagt. Levov, mußmaßt Zuckerman geschmeichelt, hat private Probleme, die er mit ihm, dem bekannten Schriftsteller, besprechen will. Doch die Begegnung in einem New Yorker Restaurant erschöpft sich im Austausch von Belanglosigkeiten. Zuckerman hakt den Fall rasch ab: "Das Leben des Schweden Levov war, soweit ich das sehen konnte, äußerst einfach und äußerst gewöhnlich und daher einfach großartig, ganz das eines typischen Amerikaners." Ein Irgendwer, ein Jedermann. Kein Stoff für eine Geschichte. Aber Zuckerman irrt. "Noch nie in meinem Leben hatte ich jemanden so falsch beurteilt."

In "Amerikanisches Idyll" lesen wir Seymour Levovs Lebensroman mit den Augen eines geläuterten, resignierten Zuckerman, der nach einer schlimmen Prostataoperation als Einsiedler in den Bergen von Massachusetts haust. Ist das Philip Roth? Jedenfalls hat auch Roth die Weequahic High-School in Newark besucht, deren Veteranen sich zu Beginn des Buches in einem Country Club in New Jersey versammeln, um Krankengeschichten und Schulanekdoten auszutauschen und ihre Statussymbole vorzuzeigen. Und vielleicht hat auch er irgendeinen "Schweden" gekannt, der der große Bruder seines Klassenkameraden Jerry war. Mag sein, daß die Geschichte, die Jerry Levov Nathan Zuckerman auf dem Klassentreffen erzählt, tatsächlich authentisch ist. Aber darum geht es nicht.

Herr Jedermann ist auf Tragödien nicht vorbereitet - das ist seine Tragödie

Denn Zuckerman hält sich nicht an Jerrys Erzählung. Er beginnt, das Leben des Schweden Levov, der kurz zuvor an Krebs gestorben ist, neu zu erfinden. Er recherchiert. Er fährt Levovs Spuren nach. Er sichtet Archive. Und er verfaßt ein umfangreiches Manuskript, das er nicht an Jerry Levov zu schicken wagt, aus Angst, Seymours Bruder könnte die Veröffentlichung untersagen. Nun ist Zuckermans Buch erschienen - als "Amerikanisches Idyll". Der Umschlag trägt keine Gattungsbezeichnung: ein Roman, der keiner sein will.

Durch einen doppelten Spiegel also betrachten wir Seymour Levov. Was sehen wir? Einen Mustermann. Einen all-American boy mit einem all-American life , einen braven Sohn, einen guten Ehemann, einen fairen Boß, einen Gewinner. Den anderen jüdischen Kindern an der Weequahic High-School, deren Großväter noch aus Wilna oder Odessa stammen, erscheint er wie ein Traum von der Neuen Welt. Sein Lebenslauf ist perfekt: Er dient als Soldat bei den Marines, heiratet eine Miß New Jersey, übernimmt die Handschuhfabrik seines Vaters, kauft ein altes Farmhaus in Old Rimrock, zeugt eine reizende kleine Tochter und darf sich, wie es scheint, auf ein goldenes, geruhsames Greisenalter freuen.

Dann kommt Achtundsechzig. Das Jahr der Studentenkrawalle, der Rassenunruhen, der Proteste gegen den Vietnamkrieg. Das Jahr, in dem die Attentate der "Weathermen" beginnen, der amerikanischen RAF. Das Jahr, in dem Newark verwüstet wird. Das Jahr, in dem Seymour Levovs Leben zusammenbricht.