Im Nebelland, sagt der koreanische Lyriker, sollte man nicht versuchen zu sehen. Nebel? Am Wochenendwetter, liest man, sind wir selber schuld. Bald wird jeder sein eigenes schlechtes Wetter überallhin mitnehmen dürfen. Und ist es nicht ohnehin besser, dem Herbst anzugehören? Aber das sind Fragen, wie sie nur ein koreanischer Lyriker stellen kann.

Die koreanische Lyrik ist jedoch leider in Deutschland weitgehend unbekannt. Und das, obwohl in Korea angeblich jedes Schulkind seinen Heine aufsagen kann. Aber, Hand aufs Herz, kennen Sie einen koreanischen Lyriker?

Obwohl all dies klar auf der Hand liegt, sind zu dem schönen Abend über moderne koreanische Dichtung im Hamburger Völkerkundemuseum nur knapp dreißig Leute erschienen. Fast ausschließlich Koreaner, fast alle in Wanderschuhen, so als hätten sie sich zu Fuß aus der Heimat aufgemacht, um im Völkerkundemuseum ein paar Verse über Winternächte, bucklige Fische und die Farbe des Lehms zu hören. Es las Kwang-Kyu Kim, es sprach He-Yong Chong, es übersetzte der in Hamburg noch ganz unbekannte Hamburger Lyriker Matthias Göritz.

Ein Abend, wie er ans Herz geht, gesponnen aus Pirouetten der Höflichkeit und der Melancholie der Vergeblichkeit, ohne die weder die Poesie noch Hamburger Lyriklesungen vor dreißig Koreanern auskommen. So ging die Rede von alten Krebsen, die im Netz des Krebshändlers unnütz mit den Scheren klappern, einem Berg, der Seelenberg heißt und noch nie von jemandem bestiegen wurde, und von der Halbmondbärin, die in gebirgigen Landschaften lebt und durch Vermählung mit dem Himmelsprinzen zur Mutter des koreanischen Volkes wurde. Es ging um Wasser, um Bäume und natürlich auch um Flughäfen, Toilettenpapier und Wolken. Und zwischen den Zeilen um die grundlose Zuversicht, man könne noch einmal von vorne beginnen. Wort für Wort, wie zum ersten Mal. Und sonst? Sonst nur das merkwürdige Gefühl, daß immer dann, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens geht, kein Schwein dabei ist.

Nach der Lesung stellte das Publikum dem Dichter ein paar ins Zentrum der Existenz zielende Fragen. Was kann man tun gegen die "Verwüstung der Menschlichkeit"? Haben Sie eine Antwort darauf, was das "Ich" ist? Wofür steht das Symbol des Weisheitszahnes in der koreanischen Lyrik? Dann verneigten sich alle noch einmal gründlich voreinander und fuhren, jeder auf seinem eigenen Fahrrad, in den Sommer.