Dam-dam-dám dam-darám-dam-dam. Etwas hölzern gibt das kleine Orchester den Rhyth-mus vor. Am vorderen Bühnenrand, hinter farbenfrohen Blumenarrangements, steht ein kantiger Mann im himmelblauen Jackett und singt von einem fernen Land, das da irgendwo auf der anderen Seite des Meeres liegt. Einem Land, in dem die Menschen glücklicher sind. "Ach, wenn ich doch nur einmal fort in das Märchenland könnte", hebt der Sänger zum Refrain an, und die Paare, die an diesem lauen Donnerstagabend im Tangotakt über den Asphalt schieben, singen mit. Wortlos, versunken in Gedanken.

Der Herr im Jackett heißt Eino Grön und ist einer der größten seiner Zunft. Die Bühne, auf der er steht, befindet sich mitten im Herzen des Tangos, im finnischen Seinäjoki.

Dreieinviertel Stunden rollt die Bahn von Helsinki aus in Richtung Nordwesten, bis der südliche Teil Ostbottniens erreicht ist. Die Provinzmetropole Seinäjoki umgeben weite Flurlandschaften, die dieser Region den schlichten Namen lakeus, die Ebene, eingetragen haben. In Seinäjoki gibt es alles: eine Eissporthalle, Supermärkte, eine Fachhochschule, jede Menge Pizzerien und ein vom weltbekannten Architekten Alvar Aalto konzipiertes Verwaltungs- und Kulturzentrum. Doch erst die Ausrichtung des Tangomarkts machte aus einem Mauerblümchen Schritt für Schritt das Mekka für Anhänger der ländlichen Tanzlokalkultur.

Seit 1985, als das Festival zum erstenmal stattfand, sind hier die Regeln des geruhsamen finnischen Alltags jedes Jahr Anfang Juli außer Kraft gesetzt. Fünf lange Tage und vier kurze Nächte wird getanzt. Wo normalerweise Autos fahren, spielen Orchester auf, wo sonst Baseballspieler in der ersten finnischen Liga um Punkte kämpfen, kann man sich näherkommen. Auch diejenigen, die gewöhnlich eher darauf bedacht sind, Distanz zu wahren. Ist es vielleicht diese karnevalistische Atmosphäre, die Tiina, Tero und Päivi, herbeigepilgert aus den verschiedensten Winkeln des Landes, ins Schwärmen geraten läßt? Die sie meinen, wenn sie einmütig von tunnelma sprechen, einer eigentümlichen Stimmung, in deren Bann sich auch diesmal wieder mehr als 100000 Besucher ziehen lassen?

Wir vermuten es, hören den schmachtenden Gesang Eino Gröns über die Tangostraße schallen und beobachten das rege Treiben auf dem etwa 500 Meter langen Prachtboulevard des Festivals. Zwischen Souvenirständen und Imbißbuden wird eifrig geschwoft. Allein wo bleiben die akrobatischen Figuren, die rasanten Bewegungen?

Gewiß, der Tangomarkt ist ein Tanzmarathon, und die meisten Gäste haben ihre Lektion schon in frühester Jugend gelernt. Aber anders als beim argentinischen Tango ist der künstlerische Anspruch bei der nordischen Variante nicht sonderlich ausgeprägt. Der einfache Zweiviertel- oder Vierachteltakt erlaubt es finnischen Männern, auf extrovertierte Posen zu verzichten und mit der Partnerin gleichsam über die Tanzfläche zu gehen. Darbietungen mit sportlichem Esprit bleiben somit die große Ausnahme, wenngleich die Kleiderordnung bisweilen anderes vermuten ließe: Mancher mag auch hier nicht auf den Jogginganzug verzichten.

Was aber macht die Faszination des finnischen Tangos aus, wenn nicht die Art, ihn zu tanzen? Fragen wir einen Experten: M.A. Numminen ist mit einem Tango-Oratorium, der Präsentation seines Buches "Tango ist meine Passion" und einem in Hasenverkleidung vorgetragenen Kinderprogramm beim Tangomarkt vertreten. Ein warmherziger, bedächtiger Mann, dessen verschmitztes Grinsen erahnen läßt, daß er in den vergangenen dreißig Jahren den finnischen Kulturbetrieb mit allerlei Kuriositäten bereichert hat.