Washington

Die Frage, ob Zufall oder Planung den Zeitpunkt der Anschläge von Nairobi und Daressalam bestimmte, wird wahrscheinlich nie beantwortet werden. Eine zeitliche Überschneidung immerhin ist Tatsache: Die Explosionen erschütterten die beiden US-Botschaften in Afrika just, als in Washington der Sexskandal mit den Aussagen Monica Lewinskys einen neuen Höhepunkt erreichte. Ein Präsident in seiner schwersten Krise ermuntert eben zu Provokationen gegen Amerika, lautet deshalb eine wohlfeile Gleichung.

Als erprobter Tröster, der seine Landsleute während der vergangenen Jahre schon oft aufrichten mußte, hat Clinton jetzt wieder makellose präsidiale Statur gezeigt. Mit trotzigem Kinn versprach er Genugtuung für die "feigen Attacken" in Kenia und Tansania. Aber der Präsident weiß nach vielen Anschlägen auf Amerikaner nur zu gut, wie schwer es fällt, solche Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Gegen den internationalen Terror ist auch die Weltmacht nicht gefeit.

Diese Hilflosigkeit könnte manche Klagen über Washingtons weltpolitischen Anspruch relativieren. Amerika - das Weltgewissen, der Weltpolizist, das Modell für die Welt? Seit dem Ende des Kalten Krieges haben die Vereinigten Staaten mitunter an außenpolitischer Zurückhaltung gespart und sich großzügig Anmaßungen gegenüber anderen Ländern erlaubt. Nicht nur die fehlende machtpolitische Konkurrenz, auch die kraftstrotzende Wirtschaftsentwicklung förderte das Selbstbewußtsein. Aber hat der amerikanische Botschafter in Bonn, John Kornblum, nicht recht, wenn er Hegemoniebestrebungen seines Landes bestreitet und Alleingänge seiner Regierung nur in solchen Fällen sieht, in denen kein Konsens mit anderen zu erreichen ist? Indem es seine internationalen Verpflichtungen (meistens) erfüllt und zugleich seine eigenen Interessen wahrt, handelt Amerika nach der Maxime zivilisierter Staaten.

Dabei ist das spezifische Gewicht der mit Abstand größten Militär- und Wirtschaftsmacht groß, wie sich etwa beim Wechsel an der UN-Spitze oder bei Ablauf und Ausmaß der Nato-Erweiterung zeigte; beides geschah exakt nach Washingtoner Regieanweisungen und gegen Vorbehalte anderer Staaten. Der Widerstand gegen den Internationalen Gerichtshof und das Drängen auf internationale Aktionen der Nato ohne UN-Mandat sind weitere Zeichen von Hybris. Wollen die USA das Gewaltmonopol des Sicherheitsrates brechen und so die Schleusen öffnen für unkontrollierbare Gewaltanwendung durch weniger gefestigte Staaten?

In Bosnien wirkt auch die Supermacht einfach überfordert

Machtgestützte Einflußnahme vollzieht sich auch in den Grauzonen einer heute wirtschaftlich dominierten Außenpolitik. Der militärisch-industrielle Komplex hat seit Ende des Kalten Krieges an Durchschlagskraft verloren; aber den Absatz von US-Waffen in Lateinamerika oder Ländern des ehemaligen Ostblocks kann er immer noch forcieren. Der inzwischen erstarkte politisch-ökonomische Komplex wiederum öffnet der amerikanischen Wirtschaft den Weg zu den Ölquellen des Kaukasus oder den Rohstoffen Afrikas.